Bruder von NSU-Opfer erzählt Bereit für den Neuanfang

Was Gavriil Voulgaridis' Existenz infrage stellte, waren aber die bohrenden Fragen, die Polizisten anderen Griechen gestellt haben: Kennen Sie die Familie des Ermordeten? Ist Ihnen etwas aufgefallen an dieser Familie? Immer wieder müssen die Beamten das gefragt haben, und klar, darüber wurde getuschelt in der griechischen Gemeinde - so verbreitet sich der Verdacht. Nie offen ausgesprochen, aber immer präsent: Vielleicht hat die Familie was zu tun mit dem Mord? Aus einem Fragezeichen wird dann schnell mal ein Ausrufezeichen. Der Mord an Theo Boulgarides gebar den Rufmord an seinem Bruder Gavriil Voulgaridis.

Der Verdacht fraß sich in das Leben der Familie, Bekannte, Freunde wandten sich ab. "Wer möchte denn etwas mit dem Bruder des Ermordeten zu tun haben?" fragt eben dieser Bruder heute. Gerade für die beiden Kinder, damals Teenager, war die Situation dramatisch. "Die Ausgrenzung war das Schlimmste", sagt der Vater. Die Heimat war verloren gegangen. "Es war die Hölle. Wir konnten nicht mehr."

2009, nach dreieinhalb Jahrzehnten in München und 17 Jahren in derselben Firma, kündigte Gavriil Voulgaridis seine Stelle, löste die Wohnung auf, ging in das Land seiner Geburt, in die Fremde. "Wir haben unser Leben zurückgelassen", sagt Voulgaridis. "In Griechenland sind wir Ausländer, noch mehr Ausländer, als wir es in München sind." Es folgten zweieinhalb Jahre in Thessaloniki, die nicht wenig schwierig waren als die zuvor. Die Ehe von Gavriil Voulgaridis und seiner Frau wäre beinahe zu Bruch gegangen, es waren die Kinder, an denen sie sich immer wieder aufgerichtet haben. "Es war auch Glück, dass wir es geschafft haben."

Vor einem Jahr bestätigte sich, was Voulgaridis von Anfang an vermutet hatte, dass Neonazis die Mörder waren. Plötzlich war da wieder Licht im Leben, seither müssen sich die Polizisten und Geheimdienstler Fragen gefallen lassen, und der Staat hat nun allen Grund, bei den Angehörigen der Ermordeten um Entschuldigung zu bitten.

Es war der griechisch-orthodoxe Erzpriester Apostolos Malamoussis, eine Größe in München, der Gavriil Voulgaridis zuredete, doch wieder zurückzukehren. Ein Jahr ist er jetzt wieder hier zusammen mit seiner Frau. "Gott sei Dank", sagt er. Die Tochter, 21, studiert mittlerweile in Griechenland, der Sohn, 19, leistet seinen Wehrdienst, kommt bald aber auch zurück nach München. Es sind die Stadt München, der Freistaat und auch die Bundesregierung, die seitdem die Familie unterstützen, es ist der Versuch, etwas wiedergutzumachen. Voulgaridis bekam schnell eine Wohnung und fand auch eine neue Stelle. Er fährt jetzt städtische Müllautos, sein Dienst beginnt oft um vier Uhr morgens.

Voulgaridis ist dankbar für diese Hilfe, er sagt es immer wieder. Manche Leute, die ihn einst gemieden haben, kommen wieder auf ihn zu. Er sagt, er gehe jetzt wieder erhobenen Hauptes durch München, er hat jetzt die Chance, langsam wieder an sein altes Leben anzuknüpfen, Kraft zu sammeln, innere Kraft. "Wir sind bereit, die Vergangenheit ruhen zu lassen."