9. November 1938 "Spontaner Volkszorn", von Goebbels inszeniert

Weil die Nazis dem Ehrentitel 'Hauptstadt der Bewegung' gerecht werden wollten, wurde die "Reichskristallnacht" von München aus gesteuert.

Von Bernd Oswald

Der 9. November war für die Nazis ein ganz besonderes Datum. An jenem Tag im Jahr 1923 hatte Hitler in München einen Putschversuch unternommen. Damit scheiterte er zwar kläglich, verstand es aber, den "Marsch auf die Feldherrenhalle" im eigenen Lager in eine heroische Niederlage umdeuten zu lassen. Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 wurde der 9. November zu einem der wichtigsten Gedenktage stilisiert.

Juden-Diskriminierung und Synagogen-Zerstörung

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1938 stand er unter besonderen Vorzeichen. An diesem Tag erlag der deutsche Gesandtschaftsrat Ernst vom Rath in Paris den Verletzungen, die er zwei Tage zuvor durch ein Revolverattentat des 17-jährigen Herschel Grynszpan erlitten hatte.

Ausdrücklich gebilligt

Der junge Jude hatte damit gegen die Abschiebung von 15.000 Polen aus dem Deutschen Reich protestieren wollen. Das Attentat war für die Nazis ein äußerst willkommener Anlass, eine reichsweit angelegte Kampagne gegen die Juden zu schüren. Schon am Tag zuvor hatte die gleichgeschaltete Presse gegen "das internationale Judentum" Stimmung gemacht.

In die gleiche Kerbe hieb Propagandaminister Goebbels am Abend in seiner Ansprache zum 9. November. Beim "Kameradschaftsabend" der NSDAP im Alten Rathaus gab er dem Judentum die Schuld für die Ermordung des deutschen Diplomaten von Rath. Übergriffe auf die Juden billigte er ausdrücklich: "Die Partei hat solche Aktionen zwar nicht zu organisieren, aber sie dort, wo sie spontan entstehen, nicht zu verhindern."

Goebbels rief also nicht direkt zu den Ausschreitungen auf. "Die Angriffe auf jüdische Einrichtungen sollten wie eine spontane Aktion des Volkszorns" wirken", sagt Andreas Heusler vom Stadtarchiv München, der ein Buch zur Kristallnacht in München geschrieben hat.

Tatsächlich erteilten die anwesenden NSDAP und SA-Führer ihren Untergliederungen im ganzen Reichsgebiet telefonisch und telegrafisch unmittelbar nach der Goebbels-Rede Order, Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen. In München organisierte Gauleiter Adolf Wagner die Ausschreitungen. Kurz vor Mitternacht zogen Nazi-Schergen los: teils in Uniform, teils in Zivil, denn es durfte ja nicht zu offensichtlich sein, dass die NSDAP hinter der Aktion steckte.

Während Hitler auf dem Odeonsplatz noch einer Vereidigung von SS-Rekruten beiwohnt, schlagen die Rollkommandos der SA los: Sie verwüsten unzählige jüdische Geschäfte und Kaufhäuser, teilweise kommt es sogar zu Plünderungen. Die Synagogen in der Herzog-Rudolf-Straße und in der Reichenbachstraße werden in Brand gesteckt.

Letztere darf die Feuerwehr schließlich löschen, "aber nur, um ein Übergreifen der Flammen auf die umstehenden Gebäude zu verhindern", so Archivar Heusler. Die SA-Trupps verhaften willkürlich Juden, nötigen sie zu finanziellen "Sühneleistungen". Der polnische Geschäftsmann Joachim Both wird in seiner Wohnung von einem SA-Mann erschossen.

Am 10. November nimmt die Gestapo etwa 1000 jüdische Männer fest und inhaftiert sie im KZ Dachau. Dabei kommen mindestens 24 von ihnen ums Leben. In den Tagen danach steigt die Zahl der Selbstmorde von Juden sprunghaft an. Heusler sieht das als Beleg für die "Vorreiterrolle Münchens, weil die Nazi-Schergen dem Ehrentitel 'Hauptstadt der Bewegung' gerecht werden wollten. Das schlägt auch in der Kristallnacht durch".