ZDF-Film "Das Dorf des Schweigens" Manchmal ist die Wahrheit den Menschen nicht zumutbar

Ein glückliches Paar sieht anders aus: Christian (Simon Schwarz) und Eva (Petra Schmidt-Schaller) beim Frühstück.

(Foto: dpa)

Hat Evas Verlobter einst ihre Schwester vergewaltigt? "Das Dorf des Schweigens" verlegt eine antike Tragödie ins Heute. So viel wehgeklagt wurde selten im deutschen Fernsehen.

TV-Kritik von David Denk

Als der verlorene Sohn im Neuen Testament wieder auftaucht, ist wenigstens dem Vater zum Feiern zumute. Über die Rückkehr der verlorenen Tochter Lydia Perner (Ina Weisse) freut sich in Das Dorf des Schweigens nur die kleine Schwester Eva (Petra Schmidt-Schaller) - und auch die ist schnell bekehrt. 30 Jahre war Lydia weg, in den USA, und nun steht sie im kargen Speisesaal des elterlichen Alpenhotels und kippt Christian Kern (Simon Schwarz) erst mal ein Glas Wein ins Gesicht, als sie erfährt, dass der Jugendfreund drauf und dran ist, ihr Schwager zu werden.

Das hatte sich Eva ganz anders vorgestellt, als sie die Schwester in New Mexico aufspürte. Sie hoffte, dadurch dieses diffuse Gefühl der Leere loszuwerden. "Kennst du das eigentlich, wenn man das Gefühl hat, neben sich zu stehen?" fragt sie Mutter Karin (Hildegard Schmahl). Da ahnt Eva noch nicht, dass Lydias Rückkehr ihr Leben von Grund auf verändern wird. "Du hast sie hergeholt", wird Vater Hans (Helmuth Lohner in seiner letzten Rolle) später sagen, halb Feststellung, halb Vorwurf. "Wäre sie nie hergekommen, würdet ihr in ein paar Tagen heiraten."

Der Konjunktiv ist schnell erklärt: Kurz nachdem Lydia wieder auf der Bildfläche erschienen ist, stürzt Christian zu Tode. Lydia hat Anzeige gegen ihn erstattet, er soll sie im Alter von 14 Jahren vergewaltigt haben und damit der Auslöser gewesen sein für ihre psychischen Probleme. In der Familie heißt es nur, Lydia sei schizophren. Eva glaubt nicht an einen Unfall, sondern daran, dass Lydias plötzliche Vorwürfe ihren dadurch zunehmend sozial isolierten Verlobten in den Suizid getrieben haben.

Alles einen Tick zu dick aufgetragen

Das Dorf des Schweigens ist ein Psychodrama, in dem alles einen Tick zu dick aufgetragen ist: die unwahrscheinliche bis abstruse Wendung der Handlung (die auszuplaudern man sich trotzdem verkneift), die gravitätischen Dialogzeilen im Buch von Martin Ambrosch ("Zieh endlich einen Schlussstrich und gib Eva eine Chance"), die melodramatisch-dräuende Musik von Alex Komlew und nicht zuletzt das theatrale Spiel der Darsteller.

Offenbar war Regisseur Hans Steinbichler so von der Idee beseelt, eine antike griechische Tragödie ins Heute zu verlegen, dass er sein Ensemble zur ganz großen Geste animiert hat. So viel geschluchzt und wehgeklagt wurde selten im deutschen Fernsehen. Der Film nimmt sich selbst in seinem Bemühen, Existenziellstes zu verhandeln, unheimlich ernst.

Lydia (Ina Weisse, rechts) war 30 Jahre weg - trotzdem freut sich über ihre Rückkehr nur die kleine Schwester Eva (Petra Schmidt-Schaller).

(Foto: Jürgen Olczyk/ZDF)

"Manchmal ist die Wahrheit den Menschen nicht zumutbar", sagt der Patriarch Hans. Sein Namensvetter Steinbichler ist da ganz anderer Meinung ("Wahrheit ist objektiv, und der Mensch muss sich ihr stellen") und schickt seine Protagonistin Eva bei dem Versuch, Christians Tod und die Vorwürfe aufzuklären, auf eine Reise in die dunkelsten Geheimnisse ihrer Familiengeschichte. Niemand in ihrem engsten Umfeld ist ohne Schuld, alle müssen sich ihr stellen.

Sie gehen als freie Menschen

Für Lydia und Eva ist am Ende kein Platz mehr in der kleinen Gemeinde. Sie müssen - man könnte auch sagen: sie dürfen - gehen. Denn sie gehen als freie Menschen, wohingegen die Zurückgelassenen sich erst aus den Trümmern ihrer Lügengebäude befreien müssen.

Das Dorf des Schweigens, ZDF, 20.15 Uhr.

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