Wulff im ZDF-Sommerinterview Hinter ihm die See

Wer inszeniert hier wen? Wie sich das ZDF für die Reihe "Sommerinterview" an Scripted Reality versuchte - und den Bundespräsidenten zum Gespräch per Helikopter einfliegen ließ.

Von Thorsten Schmitz

Man sieht: Segelboote, Surfer, Schaumkronen, später dann auch einen roten Drachen überm Strand von Norderney. Und man sieht das Gesicht von Bundespräsident Christian Wulff. Er bemüht sich, entspannt zu lächeln. Kann sein, dass ihn die Sonne auf der Terrasse der Milchbar geblendet hat und er lieber eine Sonnenbrille getragen hätte.

Kann aber auch sein, dass er mit seinen Gedanken woanders war - beim nächsten Termin vielleicht, dem Soldatengelöbnis am Mittwoch in Berlin? Man sieht: Wulff im Urlaub. Das, zumindest, suggeriert die ZDF-Serie Sommerinterview, die Politiker fern der Hauptstadt zeigt. In den Alpen, am Meer, an Seeufern.

Die erste Frage im Sommerinterview mit dem Bundespräsidenten, das vor einer Woche den Auftakt bildete und jetzt für Irritation sorgt, galt dann auch dem Urlauber Wulff, der, passend zum Anlass, eine beige Hose und keine Krawatte trug. Ob er reif für die Insel sei, fragte keck die ZDF-Hauptstadtstudioleiterin Bettina Schausten. Wulff, der eine anstrengende Woche hinter sich hatte (Monaco, Durban, Italien), antwortete mit besagtem Lächeln: "Ich freue mich sehr auf die Tage jetzt mit der Familie und den Kindern. Es ist auch immer eine gute Gelegenheit, innezuhalten."

Der Bundespräsident hätte sagen können, ich freue mich, wenn ich demnächst auf Norderney Urlaub machen werde. Das hätte der Realität entsprochen. Tatsächlich ist Wulff mit dem Hubschrauber zum ZDF-Termin an die Nordsee geflogen, wie Bild am Sonntag meldete: Rund 1000 Kilometer hin und zurück mit dem Typ Super Puma der Bundespolizei, bestätigte an diesem Montag der Deutsche Hubschrauberverband auf Anfrage.

Der Transfer, der dem Bundespräsidenten eine Urlaubskulisse ermöglichte, kostet den Steuerzahler zwischen 7500 und 15.000 Euro. So rechnet der Hubschrauberverband: "Kommt darauf an", sagte ein Sprecher, "ob nur die reinen Kerosinkosten oder auch die Wartungskosten" mit einbezogen würden.

Bettina Schausten, die das Interview geführt hat, sagte der SZ: Sie habe erst wenige Minuten vor Beginn der Aufzeichnung erfahren, dass Wulff noch gar nicht im Urlaub sei. Man habe einen Regenschauer abwarten müssen und sie den Bundespräsidenten währenddessen gefragt, ob sich seine Frau und die Kinder auch schon auf Norderney befänden: "In diesem Moment habe ich erfahren, dass er nur für das Interview" eingeflogen sei. Die ZDF-Crew war am Abend zuvor angereist - mit dem Auto.

Schausten und ihr Kollege Thomas Walde von Berlin direkt verstehen jetzt die Aufregung über Wulffs Kulissenwechsel allerdings nicht. Man würde es vorziehen, über den Inhalt des 20-minütigen Interviews zu reden. In dem Gespräch hatte Wulff unter anderem Saudi-Arabien aufgefordert, sich zu öffnen, denn: "Wenn ihr zu spät kommt, bestraft euch das Leben." Er hatte auch gesagt: "Fehlverhalten muss sanktioniert werden!" Womit er Menschen meinte, die keine Steuern zahlen, nicht etwa Menschen (und Fernsehsender), die so tun, als ob.

Man sollte unbedingt darüber reden, wer hier wen inszeniert. Die Öffentlich-Rechtlichen werfen den Privatsendern gerne vor, sie inszenierten die Realität - Scripted Reality nennt man das. Den Vorwurf muss sich jetzt auch das ZDF anhören. Politiker lieben die Sommerinterviews, weil sie da den Menschen in sich zeigen können. Allerdings lässt sich natürlich kein Politiker an einem Ort filmen, der ihm nicht passt. Claudia Roth hat am Sonntag am beschaulichen Bodensee gegen Merkels Afrikareise gewettert. Roth und Bodensee - da denkt selbst der größte Grünen-Kritiker, wie sympathisch von ihr, da Urlaub zu machen.

Thomas Walde gibt zu, dass man "natürlich nicht wisse, wie lange Frau Roth da schon am Bodensee war und noch bleiben werde". Entscheidend sei doch, dass das ZDF mit der Sommerserie - die ihren Auftakt in den achtziger Jahren hatte, als Helmut Kohl am Wolfgangsee auf Familie machte - auch Menschen für Politik begeistern könne, "die umschalten, wenn sie ein Politiker-Interview mit dem Reichstag im Hintergrund sehen".

Es sei ja, gibt Bettina Schausten zu bedenken, "interessant, dass die Medien sich jetzt mit den Termin- und Flugplänen des Bundespräsidenten beschäftigen, anstatt über seine Aussagen zu reden". Man muss sich offenbar noch mehr mit dem ZDF beschäftigen, weil dort niemanden stört, wenn falsch etikettiert und ausgeliefert wird. Warum erfolgte kein Hinweis auf die tatsächlichen Umstände?

Wenn man versucht zu verstehen, wie es zu einem Urlaubsortinterview gekommen ist, an einem Ort, an dem der Bundespräsident erst im August Urlaub machen wird, steht Aussage gegen Aussage. Aus dem Bundespräsidialamt heißt es: Wulff könne seinen Urlaubstermin nicht nach Zeitwünschen des ZDF festlegen. Das ZDF lässt mitteilen: Wulff sei angeboten worden, das Interview ausnahmsweise doch in Berlin zu führen, Wulffs Mitarbeiter hätten aber an der Kulisse Norderney festgehalten. Das Bundespräsidialamt wiederum erklärt: "Es war unser Wunsch, das Interview im Schloss Bellevue zu führen."

Nach SZ-Informationen hat das ZDF bei mindestens einem Urlaubsinterview der Realität schon einmal auf die Sprünge geholfen: Bei einem Sommerinterview mit Wulffs Amtsvorgänger Horst Köhler auf der Insel Usedom. Damals sollen Surfer engagiert worden sein, die durchs Bild glitten - der Hintergrund musste wohl lebendiger gestaltet sein.