Wozu noch Journalismus? Tiefgreifender Transformationsprozess

Meinungen statt Fakten, das ist die Tendenz im Journalismus. Umso mehr müssen Journalisten als "trusted guides" fungieren.

Von Jörg Sadrozinski

Wozu noch Journalismus? Die Ethik der Medienmacher ist in Gefahr: Journalisten werden zu Handlangern der Politiker, bloggen im Netz und werden durch Laien ersetzt. Wie ist der Journalismus zu retten - und wieso sollten wir das überhaupt tun? In dieser Serie - herausgegeben von Stephan Weichert und Leif Kramp - setzen sich angesehene Publizisten auf sueddeutsche.d"e mit dieser Frage auseinander.In dieser Folge beschreibt Jörg Sadrozinski, warum die gesamte Medienbranche in einem tiefgreifenden Transformationsprozess steckt.

Als ARD und ZDF 1980 den Videotext einführten, rauschte es gewaltig im deutschen Blätterwald: Texte im Fernsehen - das konnte, das durfte nicht sein! Ähnliches erleben wir heute, 30 Jahre später, bei Ankündigungen von (mobilen) Internetangeboten der Öffentlich-Rechtlichen. Doch das Untergangsgeschrei von damals unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt: Heute steckt die gesamte Medienbranche mitten in einem tiefgreifenden Transformationsprozess - öffentlich-rechtliche und private Sender sind ebenso wie Verlage davon betroffen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk und damit auch die journalistischen Angebote, die wir produzieren, unterliegen - entgegen anders lautender Berichte - natürlich ebenso ökonomischen Zwängen wie andere Medien auch. Aber trotz Einsparungen, die auch meine Redaktion tagesschau.de in den vergangenen Jahren erbringen musste, ermöglicht das Gebührenprivileg (ich empfinde es tatsächlich als eines) einen Journalismus, den ich angesichts von Digitalisierung und Wandel in der Mediennutzung für unverzichtbar halte. Einen Journalismus, der unabhängig, relevant und um Objektivität bemüht ist.

Was ist Journalismus? Der Autor Walther von La Roche, einer der renommiertesten Journalistenausbilder in Deutschland, definiert das Berufsbild innerhalb der verschiedenen Medien anhand der Tätigkeiten Recherchieren und Dokumentieren, Formulieren und Redigieren, Präsentieren, Organisieren und Planen. Ob in Print, Hörfunk, Fernsehen oder Online - all diese Tätigkeiten zeichnen professionellen Journalismus aus. Umgekehrt: Ohne diese Tätigkeiten ist eine Veröffentlichung kein journalistisches Produkt.

"Das Internet ist anders."

Die Krise der Medienbranche wird häufig mit der steigenden Nutzung des Internet verknüpft. Abgesehen von angeblich fehlenden Geschäfts- und Refinanzierungsmodellen wird beklagt, dass die Rolle des professionellen Journalisten in Zeiten, in denen Jede(r) ohne größere technische und finanzielle Hürden Inhalte veröffentlichen und verbreiten könne, überflüssig sei.

Richtig ist: "Das Internet ist anders", wie Journalisten-Kollegen in einem "Internet-Manifest" im September 2009 schreiben. "Es schafft andere Öffentlichkeiten, andere Austauschverhältnisse und andere Kulturtechniken. Die Medien müssen ihre Arbeitsweise der technologischen Realität anpassen, statt sie zu ignorieren oder zu bekämpfen. Sie haben die Pflicht, auf Basis der zur Verfügung stehenden Technik den bestmöglichen Journalismus zu entwickeln - das schließt neue journalistische Produkte und Methoden mit ein."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum Meinungen statt Fakten verbreitet werden.