Vorwürfe aus Russland Putin-Doku im ZDF: Wer hat hier was gefälscht?

Machtmensch Putin schafft dem ZDF ein Glaubwürdigkeitsproblem.

(Foto: ZDF)

Das russische Staatsfernsehen beschuldigt das ZDF, eine Dokumentation manipuliert zu haben. Der Mainzer Sender ringt um Aufklärung.

Von Julian Hans

Mit einem Fälschungsvorwurf hat das russische Staatsfernsehen das ZDF in eine Zwickmühle gebracht, aus der es derzeit nur schwer herauszukommen scheint. In dem Dilemma, entweder als Lügner dazustehen, oder womöglich einen russischen Mitarbeiter zu gefährden, tasten sich die Mainzer vorsichtig bei der Aufklärung voran - im Internet reden sich derweil die Lügenpresse-Rufer heiß.

Woher kam das Zusatzmaterial?

In der Dokumentation Machtmensch Putin hatte das ZDF vor zwei Wochen einen jungen "Igor" aus Kaliningrad vorgestellt, der vorgab, als Freiwilliger in der Ostukraine zu kämpfen. Das Gesicht des Mannes wurde verpixelt, sein Name geändert. Wenige Tage später präsentierte das russische Fernsehen den Mann mit echtem Namen und der Behauptung: Das ZDF habe ihn dafür bezahlt, dass er lüge. Ein Mitarbeiter habe ihm ein Drehbuch geschrieben. Der Staatssender Rossija zeigte Szenen aus der ZDF-Doku ohne verpixeltes Gesicht sowie Szenen, die auf den ungeschnittenen Daten des ZDF nicht vorhanden sind. Woher kam das Zusatzmaterial?

Vieles deutet darauf hin, dass das russische Fernsehen seine Version schon vorbereitete, bevor Machtmensch Putin überhaupt ausgestrahlt wurde. Als die Dokumentation am 15. Dezember um 20.15 Uhr im Zweiten Deutschen Fernsehen lief, war es in Moskau bereits Nacht. Theoretisch hätten die Rossija-Mitarbeiter innerhalb von vier Tagen zunächst die wahre Identität von "Igor" herausfinden, seinen Wohnort ausfindig machen und schließlich das rohe Filmmaterial beschaffen müssen, dass dann am 20. Dezember in der wichtigsten Propagandasendung Westi Nedeli ausgestrahlt wurde.

Das ZDF weist die Vorwürfe zurück, Szenen manipuliert zu haben und hat das ganze 37 Minuten lange Interview mit dem 27-Jährigen Jurij Labyskin ins Internet gestellt. Dieser habe frei und flüssig erzählt, es habe keinen Anlass gegeben, an seinen Aussagen zu zweifeln. Allerdings fallen durchaus Widersprüche zwischen dem Interview und den Aussagen in der Dokumentation auf. So heißt es in Machtmensch Putin, Labyskin habe sich bei einem Rekrutierungsbüro in seiner Heimatstadt Kaliningrad gemeldet. Im Interview erzählt Labyskin dem ZDF-Reporter Dietmar Schumann aber, wie er über einen Schulfreund auf die Idee gebracht wurde, in die Ostukraine zu gehen. Dieser habe dann auch bei der Reise geholfen. Vom Rekrutierungsbüro ist keine Rede.

Widersprüche auf beiden Seiten

Dieser und andere Widersprüche zwischen dem Interview und den Szenen, die der freie Mitarbeiter Walerij Bobkow dem ZDF von Labyskins Dienst aus dem Donbass lieferte, hätte zumindest Zweifel bei den Redakteuren wecken müssen. Hat Bobkow vielleicht einen falschen Protagonisten vorgeführt, um ein Honorar zu verdienen? Oder wurde Labyskin im Nachhinein unter Druck gesetzt, um seine Aussage zu widerrufen? Auf den Aufnahmen des russischen Fernsehens wirkt er entkräftet, mit tiefen Augenringen. Bobkow ist telefonisch nicht erreichbar, in E-Mails deutet er an, er werde bedroht. Wie soll das ZDF in dieser Situation aufklären?

"Das russische Fernsehen darf behaupten, was es will", Belege aber würden nur vom ZDF verlangt, kritisiert Robert Bachem, als Bereichsleiter Info verantwortlich für die Sendung. Dabei steht bislang Aussage gegen Aussage - und der Rossija-Beitrag steckt selbst voller Widersprüche. Erst sagt Labyskin, der "deutsche Journalist Dietmar" sei mit einem Aufnahmeteam zu ihm gekommen und habe gesagt: "Lass uns eine Reportage über Dich drehen". Kurz darauf soll es der Russe Bobkow gewesen sein, der dieses Angebot machte.

Bachem will nicht ausschließen, dass die Redaktion einen Fehler gemacht hat. "Aber ich kann ihn erst eingestehen, wenn ich sicher sagen kann, was falsch gelaufen ist. Derzeit kann ich aber bei uns keinen Fehler erkennen." Für Aufklärung aber bräuchte er Bobkow.