Verkaufsstart in Frankreich "Charlie Hebdo" erhöht Auflage auf fünf Millionen Exemplare

Ausverkauft: In diesem Zeitschriftenladen in Montpellier ist Charlie Hebdo kurz nach dem Verkaufsstart bereits vergriffen

(Foto: AFP)
  • Die neue Ausgabe des Satiremagazins Charlie Hebdo erzielt bei Ebay zunächst Höchstpreise, die in der Folge allerdings deutlich sinken.
  • Bereits am Morgen war das Heft an allen Verkaufsstellen in Frankreich ausverkauft.
  • Weltweit sollen nun fünf Millionen Exemplare vertrieben werden.

Die neue Ausgabe des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo wird den Zeitungshändlern in Frankreich aus den Händen gerissen. Kurz nach dem Verkaufsstart tauchten auf der französischen Seite von Ebay erste Verkaufsangebote für die Ausgabe Nummer 1178 auf, die am Mittwochmorgen herausgekommen war.

Ein Anbieter erlöste für ein Exemplar 69 Euro. Später sanken die Preise allerdings deutlich. Das Heft, das am Kiosk drei Euro kostet, wurde teilweise für einen Euro angeboten. Es handle sich bei solchen Angeboten allerdings häufig um Faksimile- und PDF-Ausgaben des Originalheftes, warnte etwa die belgische Tageszeitung La Libre Belgique.

An etlichen Zeitungskiosken in Paris und anderen Städten des Landes war die erste Ausgabe des Blattes seit dem Attentat auf die Redaktion vor einer Woche innerhalb kürzester Zeit vergriffen.

So sieht die neue Ausgabe von "Charlie Hebdo" aus

Angela Merkel ohne Unterhose, frivole Zeichnungen, ein Vergleich mit einem Gottesdienst: In seiner ersten Ausgabe nach dem Anschlag bleibt sich das Pariser Satiremagazin "Charlie Hebdo" treu. mehr...

Viele Stammkunden hätten sich schon im Vorfeld Exemplare reserviert, berichteten Verkäufer nach dem Verkaufsstart in den frühen Morgenstunden.

"Es war unglaublich, ich hatte eine Schlange von 60 bis 70 Leuten, die schon dort warteten, als ich geöffnet habe", sagte die Verkäuferin an einem Pariser Zeitungsstand. "So etwas habe ich noch nie gesehen, alle meine 450 Exemplare waren in 15 Minuten ausverkauft."

Breite Zustimmung in den französischen Medien

Die linksliberale Tageszeitung Libération begrüßte die Aufmachung der aktuellen Charlie-Hebdo-Ausgabe. "Die Titelseite von Charlie? Ein Modell politischer Intelligenz. Viele erwarteten eine Provokation, andere befürchteten ein Zurückweichen. Nichts von all dem. Der Prophet Mohammed ist wieder da. Aber in einer positiven Rolle, mit einem Hauch von Zärtlichkeit. (...) Die wirkliche Karikatur des Propheten ist die der Islamisten. Der wahre Islam ist der, den die Masse der Gläubigen in Frankreich praktiziert. Und dieser Islam hat seinen Platz in unserer Republik."

Ihre Reaktionen auf die erste Ausgabe "Charlie Hebdo" nach dem Anschlag

Ein weinender Prophet auf dem Cover und Witze über Merkels Unterwäsche im Heft. Knüpft die erste Ausgabe von "Charlie Hebdo" da an, wo die Autoren und Zeichner vor dem Anschlag aufgehört haben? Diskutieren Sie mit uns. mehr ... Ihr Forum

Die katholische Zeitung La Croix kommentierte: "Und Charlie Hebdo erscheint wieder. Auf der Titelseite eine Zeichnung, die weit weniger ätzend ist als frühere Karikaturen. In den Augen von Muslimen, die keine Darstellung des Propheten Mohammed akzeptieren, ist diese Zeichnung dennoch provozierend. Doch für das Team "der Überlebenden" war es unmöglich, vor der Einschüchterung zurückzuweichen. Sie durften nicht auf die Karikaturen verzichten, die ihnen dieses Todesurteil eingebracht haben, sie durften ihre toten Freunde nicht verraten. Charlie ist sich selbst treu geblieben."

Teheran und IS kritisieren Cover

Iran missbilligte hingegen das Titelbild des neuen Charlie Hebdo. "Das ist eine provokative Geste und für Muslime verletzend", sagte Außenamtssprecherin Marsieh Afcham in Teheran. Sie sprach von einem Missbrauch der Pressefreiheit, der für Muslime inakzeptabel sei. Respekt für religiöse Heiligkeiten sei ein weltweit anerkanntes Prinzip, das auch europäische Staatsmänner akzeptieren sollten, so die Sprecherin. Teheran hatte den Terroranschlag auf das islamkritische Satiremagazin verurteilt, lehnt aber auch Karikaturen des islamischen Propheten ab.

Auch die Dschihadistengruppe Islamischer Staat (IS) kritisierte die Titelseite der neuen Ausgabe des Blatts. Die Veröffentlichung neuer Mohammed-Karikaturen sei "extrem dumm", hieß es in einer Erklärung im Radiosender Al-Bajan, den die IS-Extremisten in von ihnen kontrollierten Gebieten in Syrien und im Irak ausstrahlen. Mit den neuen Karikaturen werde erneut der Prophet beleidigt.

Auflage auf fünf Millionen Exemplare erhöht

Die überlebenden Macher des Blattes wollten zunächst international insgesamt drei Millionen Exemplare vertreiben. Nach dem Ansturm auf die neue Ausgabe wurde die spektakuläre Rekord-Auflage sofort erhöht. Nun würden fünf Millionen Exemplare gedruckt, gab der Vertrieb MLP bekannt. Die neue Ausgabe war bereits am Morgen in allen 27 000 Zeitungsläden Frankreichs ausverkauft, wie die Presse-Handelsvereinigung UNDP mitteilte. Normalerweise erscheint Charlie Hebdo mit einer Auflage von 60 000 Exemplaren.

Der Inhalt wird dafür auch ins Englische, Arabische und weitere Sprachen übersetzt. An Kiosken in Deutschland wird das Blatt spätestens am Wochenende erhältlich sein. Eine deutsche Fassung war zunächst nicht geplant.

Das Titelbild der Charlie-Hebdo-Ausgabe zeigt erneut eine Mohammed-Zeichnung. Über ihr steht in großen Buchstaben "Tout est pardonné" (Alles ist vergeben). Nach den Glaubensvorstellungen von Muslimen sollen weder Gott noch Mohammed bildlich dargestellt werden.

Neue Welle des Hasses erwartet

Frühere Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo gelten als Hintergrund des Terrorangriffs auf die Redaktion. Bei dem Anschlag starb auch Redaktionsleiter Stéphane Charbonnier (47) alias Charb.

Bereits am Dienstag hatten ägyptische Islamgelehrte mit scharfer Kritik auf die angekündigte neue Ausgabe reagiert. Diese "ungerechtfertigte Provokation von 1,5 Milliarden Muslimen weltweit" werde eine neue Welle des Hasses auslösen, erklärte die wichtige religiöse Einrichtung Dar al-Ifta in Kairo. Die Terrorgruppe al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQMI) hatte zuletzt im Internet mit weiteren Angriffen auf Frankreich gedroht.