TV-Duell Die Angst der Moderatoren vor dem Mob

Vor dem TV-Duell waren die Moderatoren Claus Strunz (SAT.1, l-r), Sandra Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF) und Peter Kloeppel (RTL) noch zuversichtlich.

(Foto: dpa)

Wenn das TV-Duell gescheitert ist, dann vor allem wegen der vier Fragesteller. Welche Schwerpunkte sie setzten und wie sie das Thema Flüchtlinge behandelten, zeigte: Die AfD saß mit im Studio.

Analyse von Kathleen Hildebrand

Die Zeichen stehen auf Konfrontation. Schon nach der Eröffnungsfrage muss Martin Schulz dem RTL-Moderator Peter Kloeppel erklären, warum er nach einem Umfragehoch im Frühjahr jetzt doch sehr abgeschlagen hinter Merkel liege. Und die Amtsinhaberin muss sich fragen lassen, ob sie eine "All-inclusive-Kanzlerin" sei, für jeden was dabei.

Direkt in die Vollen. Langeweile und Flauschhandschuhe sollte den Moderatoren niemand vorwerfen können. Das ist ja nicht nur ein Duell der Kanzlerkandidaten. Sondern auch ein Gegenüber von zwei Parteivorsitzenden der großen Koalition. Die vielen Gemeinsamkeiten könnten das Format ersticken, müssen sich die Planer der Sendung gedacht haben. Da muss Feuer rein.

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Einer der Moderatoren kommt da gerade recht. Claus Strunz gilt als der Rechtspopulist unter den Fernsehjournalisten. So genannter "Klartext" gilt als sein Markenzeichen. Gerade wenn es um Migrationspolitik geht.

Seine erste Frage überrascht da nicht: Ob Merkel die Sorgen und Nöte der Menschen nicht ernst genug genommen habe, wenn es jetzt eine Partei rechts von der CDU gebe? Aber Angriffe abperlen lassen, das ist eben Merkels Markenzeichen. Sie werde weiter versuchen die Menschen davon zu überzeugen, dass ihre Entscheidung in der Flüchtlingskrise 2015 die richtige gewesen sei, sagt sie.

Strunz versucht sich an Schulz. Und zeigt, wie Journalisten nicht fragen sollten. Er konfrontiert Schulz mit einem Zitat: Was die Flüchtlinge mitbrächten, das sei "wertvoller als Gold". Was sage Schulz denn nun dazu, dass er sich so schrecklich getäuscht habe?

Dumm nur, dass sich Schulz an sein Zitat recht genau erinnern kann. Er korrigiert Strunz sofort. Er habe gesagt, die Flüchtlinge hätten einen "unbeirrbaren Glaube an Europa". Das sei es, was wertvoller als Gold sei. Strunz hat in seinem Eifer Schulz erst falsch zitiert und ihn damit auch noch auf Glatteis führen wollen. Ging nach hinten los.

Unter einem Gesichtspunkt war Strunz eine gute Besetzung

Vielleicht war es gerade deshalb sinnvoll, dass einer wie Strunz in diesem Format vorkommt. An ihm kann demonstriert werden, wie die Mechanismen des Populismus vorgeführt und ausgeschaltet werden können. Als Strunz später einwirft, es gebe "welche, die glauben es wird nie klappen" mit der Integration, dringt er kaum noch durch.

Viel beunruhigender als ein Strunz unter vier Moderatoren ist etwas Anderes. Nicht nur nimmt der Block zur Migrationspolitik mehr als die Hälfte der Sendezeit ein. Obwohl das nur eines von vier Themen in diesem Duell ist. Nein, der allgemeine Tenor aller Fragen zu Flüchtlingen und Migration scheint sehr deutlich von der Angst geprägt zu sein, den Sorgen und Nöten des "Wir sind das Volk"-Mobs da draußen am Ende nicht genug Raum gegeben zu haben. Die AfD saß mit im Studio.

Wie Merkel und Schulz verhindern wollen, dass noch mehr Flüchtlinge kämen? Wie sie sie schneller und effizienter abschieben wollen? Strunz spitzt alles zu auf die Frage: "Wann sind diese Leute weg?" Meint damit aber nur jene Menschen, die kein Asyl in Deutschland bekommen haben, aber noch im Land sind.

Viele Menschen stellen sich solche Fragen, kein Zweifel. Und Politiker müssen sie beantworten können. Aber es sollten vielleicht auch ein paar Fragen von der anderen Seite auf dem Zettel stehen. Nach den Zuständen in libyschen Lagern, nach den Toten im Mittelmeer oder nach Anschlägen auf Flüchtlingsheime in Deutschland. Nur als Beispiele.

Aber danach fragt genau: niemand.

Alle vier sorgen mit ihrem arg konfrontativen Auftreten dafür, dass Schulz und Merkel sich noch einiger zeigen, als sie es ohnehin schon sind. Sie müssen jetzt ihr "Europa der Menschlichkeit" verteidigen. "Wasserwerfer" an den Grenzen seien wohl kaum die Lösung, um Flüchtlinge abzuwehren, sagt Merkel irgendwann.

Das alles sind deutliche Zeichen dafür, wie sich der politische Diskurs in Deutschland verändert hat. Eine Sendung wie das TV-Duell kann so eine Verschiebung abbilden, vielleicht sollte sie es sogar. Aber nicht um jeden Preis. Und der Preis war zu hoch. Zu diversen zentralen Themen hätten manche Wähler gern die Ideen der Kandidaten gehört. Aber als etwa endlich Block drei "Soziale Gerechtigkeit" aufgerufen wird, da ist die Sendezeit schon arg knapp.

"Wir können's auch schnell machen", sagt Sandra Maischberger, als würden Sozialthemen ohnehin keinen interessieren. Und so machen sie es dann auch. Ein paar Fragen zur Rente, eine Bitte um eine Modellrechnung zur Steuerentlastung für eine vierköpfige Familie. Das war's.

Flugs geht es weiter zum Diesel-Skandal. Auch da legen sich die Moderatoren mehr ins Zeug als für Dinge wie, sagen wir: bezahlbare Mieten in Großstädten, Pflege, Digitalisierung und deren Folgen für den Arbeitsmarkt, Kinderarmut, Bildung, Chancengerechtigkeit und Umweltpolitik.

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An Umweltthemen haben die Moderatoren so wenig Interesse, dass sie Angela Merkel sogar den auffällig widersprüchlichen Satz durchgehen lassen, der Diesel werde gebraucht, "um die Klimaziele erreichen zu können".

Sandra Maischberger spult am Ende noch etwas von der Verrohung der Gesellschaft ab. Aber da ist auch schon der Schlussteil eingeläutet. Der mit den Ja-/Nein-Fragen. Inhaltlich kann da längst niemand mehr irgendwelche Erwartungen haben.

"Wir hätten nächsten Sonntag noch Zeit für ein zweites Duell", sagt Peter Kloeppel ganz am Ende noch. Eine letzte Spitze gegen Merkel, die genau dieses zweite Duell kategorisch ausgeschlossen hatte. Es ist schade, dass es keines geben wird, in dem die Unwucht in diesem Duell ausgeglichen werden könnte. Aber genauso wahr ist: Was in diesem Duell gefehlt hat, war keineswegs nur die Zeit.