Türkischer Journalismus Wie türkische Journalisten aus dem Exil über ihr Land berichten

"Ahval" heißt "Zustände". Der Zustand vieler, die dort schreiben, heißt Exil.

(Foto: Screenshot)

Sie betreiben eine Online-Plattform und wollen damit die Lücke füllen, die in der Türkei durch Selbstzensur und Medienverbote entstanden ist.

Von Christiane Schlötzer

Nur Stunden nach dem Putschversuch in der Türkei am 15. Juli 2016 setzte sich der Journalist Yavuz Baydar in sein Auto und fuhr zur griechischen Grenze. Seitdem ist er nicht in seine Istanbuler Wohnung zurückgekehrt. Täte er es, würde er mit ziemlicher Sicherheit von der Polizei abgeholt und in einem Gefängnis landen, wie so viele seiner Kolleginnen und Kollegen, deren Namen unmittelbar nach jener Julinacht auf einer langen Verhaftungsliste auftauchten. Baydar war 2014 Träger des Europäischen Preises für "Exzellenz im Journalismus" und seit den 90er-Jahren in seinem Land ein hochgeschätzter Autor. Nun war er heimatlos, ein Exilant.

Einer, der sein Schicksal nicht still akzeptierte. Baydar schrieb für den Guardian, die New York Times, El País und in der Süddeutschen Zeitung 52 Folgen einer "Türkischen Chronik". Nun ist der 61-Jährige wieder Chefredakteur, für ein neues dreisprachiges in London produziertes Online-Medium, mit dem Namen ahvalnews.com. Da kann man aktuell zum Beispiel erfahren, dass alle regierungsnahen Medien in der Türkei (etwa 90 Prozent des Marktes) die Paradise Papers ignorierten, soweit sie Offshore-Geschäfte von Türken betreffen: von Energieminister und Erdoğan-Schwiegersohn Berat Albayrak sowie den Söhnen von Premier Binali Yıldırım.

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Baydar sagt, die Webseite wolle eine Lücke füllen, die durch Medienverbote und Selbstzensur in der Türkei entstanden sei. Darum erscheint sie auch auf Englisch, für ein internationales Publikum, und auf Türkisch, um eine öffentliche Diskursplattform zu bieten. Denn die oppositionelle Zeitung Cumhuriyet, die sich tapfer - auch bei den Paradise Papers - jeder Anbiederung verweigert, hat nur noch eine Auflage von täglich 35 500 Stück. Zudem wird Ahval auf Arabisch publiziert, weil es in der arabischen Welt ein ungebrochen großes Interesse an der Türkei gibt. Finanziell ist die Plattform mit der Verlegergruppe Al Arab Publishing verbunden. Baydar sagt, er habe "völlige journalistische Freiheit".

Auch türkische Journalisten sind tief gespalten

Sein Team ist über die halbe Welt verstreut, unfreiwillig. Die englischen Texte werden in Washington redigiert, die türkischen von einem Reporter, der nach Montreal flüchtete. Baydar lebt "in Südeuropa", wie er sagt. Es gibt auch einige Autoren, die noch in der Türkei sind. Ahval ist ein arabisch-osmanisches Wort für "Ereignisse" oder "Zustände", und so wie die Zustände sind, dürfte Baydar bald wieder ziemlich im Sturm stehen, denn die türkische Gesellschaft ist - einschließlich der Journalisten - politisch tief gespalten. Darum war es auch nicht möglich, die Kräfte aller türkischen Exil-Reporter zu bündeln. Baydar sagt, er bedaure dies. So gehört der zuletzt mit vielen Preisen geehrte Ex-Chefredakteur von Cumhuriyet, Can Dündar, nicht zum Team. Er hat in Deutschland schon vor einer Weile die Internetplattform Özgürüz (Wir sind frei) geschaffen.

Baydar glaubt, dass die türkischen Eliten weiterhin das Land verlassen werden, aber die Bindung an ihre Heimat medial nicht verlieren wollen. Ahval hat seine Leser übrigens auch schon informiert, dass Deutschland bald einen Außenminister haben könnte, der Türkisch spricht. Dialog sei damit aber noch nicht garantiert, denn, das Problem sei nicht die Sprache. "Es sind die Werte."

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