Türkische TV-Serien Verbotene Liebe

Schmacht: Vor allem Kıvanç Tatlıtuğ begeistert als Mohanad in Noor (hier mit Co-Star Songül Öden) Millionen Fernsehzuschauerinnen.

(Foto: D Productions)

Türkische Seifenopern wie "Noor" sind in der arabischen Welt extrem erfolgreich. Die saudische Sendergruppe MBC nimmt nun alle türkischen Serien aus dem Programm. Das hat offenbar politische Gründe.

Von Dunja Ramadan

Jede Gefühlsregung des Hauptdarstellers Mohanad hat ein eigenes Fan-Video, hinterlegt mit arabischen Liebesliedern: Mohanad weint, Mohanad küsst, Mohanad schmachtet - keine andere türkische Serie hat in der arabischen Welt so eingeschlagen wie die Serie Noor (im Türkischen: Gümüş), als sie 2008 von der saudischen Sendergruppe MBC ins Programm genommen wurde. Vor allem Millionen Frauen zeigten sich von dem blonden Frauenversteher Kıvanç Tatlıtuğ begeistert. Im syrischen Dialekt lieben und entlieben sich Tatlıtuğ und sein weiblicher Gegenpart Songül Öden in 100 Folgen, je 90 Minuten.

Vor mehr als zehn Jahren läutete Noor die erfolgreiche Epoche türkischer Serien im arabischen Fernsehen ein. Auch in Iran, auf dem Balkan und in vielen Ländern Zentral- und Südasiens haben sie großen Erfolg. Die Türkei zählt zu den weltweit wichtigsten Produzenten von Serien.

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Nun, etwa zehn Jahre später, nimmt einer der größten arabischen Medienkonzerne, geführt von dem saudi-arabischen Geschäftsmann Walid al-Ibrahim, alle türkischen Seifenopern aus dem Programm. Zu den Gründen äußerte sich MBC nicht. "Wir versuchen, die türkischen Dramen durch arabische Produktionen von hoher Qualität zu ersetzen, welche die Werte und Traditionen der Region verkörpern", sagte der MBC-Sprecher Masen Hajek am Dienstag der Nachrichtenagentur AFP.

Dahinter könnten jedoch politische Motive stecken. Die saudische Sendergruppe MBC hat ihren Sitz in Dubai. Sowohl Saudi-Arabien als auch die Vereinigten Arabischen Emirate haben im Juni 2017 - gemeinsam mit Bahrain und Ägypten - die Beziehungen zum Golfstaat Katar abgebrochen. Die Türkei allerdings pflegt bis heute ein enges Verhältnis zu Katar - was wiederum Riad und Abu Dhabi stört. Sie werfen dem kleinen Golfstaat die Unterstützung der Muslimbrüderschaft und einen Kuschelkurs mit dem schiitischen Iran vor.

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Die sofortige Absetzung aller türkischen Serien soll nun zumindest die "Soft Power" der Türkei zurückdrängen, vermutet der türkische Kultur- und Tourismusminister Numan Kurtulmuş. Sprich: Man möchte den türkischen Einfluss im Kulturbereich herunterfahren. "Es ist nicht an zwei, drei Politikern, darüber zu entscheiden, welche Programme die Leute sehen können", kritisierte Kurtulmuş am Mittwoch. "Weltweit warten die Leute ungeduldig auf türkische Serien." Viele ausländische Kollegen würden ihn auf die türkischen Serien ansprechen. "Es gibt wirklich ein großes Interesse", sagte er. Die letzte Folge von Noor soll bis zu 85 Millionen Zuschauer an die Bildschirme gelockt haben.

Auch gesellschaftlich haben türkische Serien in der arabischen Welt kontroverse Debatten ausgelöst. Einerseits dient die Türkei für arabische Zuschauer als Projektionsfläche: Dieselbe Religion, dieselben Werte - auch die Lebenswelt der türkischen Schauspieler ist ihnen näher, so dass sie ihre Lebensumstände anders spiegeln können als etwa in amerikanischen Sitcoms, bei denen eine Identifikation oft schwer fällt.

Andererseits sind türkische Serien oft viel freizügiger als arabische Produktionen, und die Ungleichheit zwischen Mann und Frau ist häufig nicht so ausgeprägt wie im arabischen Raum. So ist die Ehe von Muhanad und Noor zwar arrangiert, doch sie führen auch eine moderne Partnerschaft: Muhanad unterstützt seine Frau in ihren beruflichen Ambitionen als Modedesignerin. Häufig brechen Muhanad und Noor auch mit Gesetzen der Religion und Tradition. Muhanad hat ein uneheliches Kind, beide trinken beim Abendessen gerne ein Glas Wein, sie küssen sich vor der Kamera - etwas, was in arabischen Serien oft nur angedeutet wird.

Zahlreiche Kleriker bezeichnen Noor darum als "unislamisch". Seit Jahren warnen sie vor dem negativen Einfluss auf die arabische Gesellschaft. So soll die Anzahl der Scheidungen nach der Ausstrahlung von Noor rasant angestiegen sein - nachweisen lässt sich das natürlich nur schwer. "Viele Frauen schalten den Fernseher an und sehen wie Muhanad dieser Frau - wie heißt sie noch mal - ah ja, Noor, hinterherrennt und dann vergleichen sie ihn mit ihrem Mann. Dabei ist das Schauspielerei! Ich schwöre bei Gott, es ist Schauspielerei. Sie bekommt Geld dafür ihn zu lieben, in Wahrheit mag sie ihn wahrscheinlich gar nicht", empört sich etwa der jordanische Scheich Wassim Youssef im arabischen Fernsehen.

Tatsächlich sind in den letzten Jahren die Scheidungszahlen in der Region angestiegen: So lassen sich im ultrakonservativen Saudi-Arabien 30 Prozent der Ehepaare scheiden. In Ägypten enden mittlerweile 40 Prozent der Ehen in den ersten fünf Jahren. Vor fünfzig Jahren waren es im gleichen Zeitraum nur sechs Prozent.

Viele Zuschauer zog es auch als Touristen in die Türkei. Arabische Reisegruppen besuchen Drehorte der Serien. Allein die Zahl der Besucher aus Kuwait hat sich zwischen 2010 und 2014 fast verdreifacht. Lange war es en vogue, dass Paare ihre Flitterwochen in der Türkei machen. So wandern sie in Istanbul auf den Spuren von Noor und Muhanad.

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