Toter "Charlie Hebdo"-Herausgeber Charbonnier Aufrecht, furchtlos, radikal

Stéphane Charbonnier ("Charb"): * 21. August 1967, † 7. Januar 2015

(Foto: AP)

Stéphane Charbonnier machte sich bei "Charlie Hebdo" über alles lustig. Auch über Religionen. Angst hatte Charb nie. Der Karikaturist kämpfte für die Meinungsfreiheit und nahm dafür große persönliche Opfer in Kauf.

Von Thierry Backes

Charb, Cabu, Wolinski, Tignous. Als sich das Ausmaß des Anschlags von Paris am Mittwochnachmittag abzeichnet, geht es bald auch um die Karikaturisten. Sie sind in der Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo ermordet worden und so bekannt in Frankreich, dass die Medien zunächst darauf verzichten, ihre vollen bürgerlichen Namen in ihren Tickern zu nennen.

Jean Cabut und Georges Wolinski, bei ihrem Tod 76 und 80 Jahre alt, waren "Giganten ihres Fachs", wie Le Monde am Mittwochabend schreibt (hier und hier), doch es gibt in dieser Liste einen, der sie alle überragte. Wenn auch nicht unbedingt als Zeichner.

Stéphane Charbonnier, Jahrgang 1967, war seit 2009 Herausgeber von Charlie Hebdo und das Sprachrohr des Magazins - Letzteres schon deshalb, weil niemand außer Charb Interviews geben wollte, wenn das Magazin wegen allzu provozierender Karikaturen mal wieder in den Schlagzeilen landete. Und das passierte nicht selten in den vergangenen fünf Jahren. Über Charlie Hebdo wurde zuletzt häufiger geredet als in jener Zeit, als Charbs Vorgänger Philippe Val das Blatt leitete. Val war es, der die Mohammed-Karikaturen 2006 nachdrucken ließ, die zuvor in der dänischen Jyllands-Posten erschienen waren.

Brandanschlag im November 2011

Charb ließ im November 2011 dann eine Ausgabe unter dem Titel "Charia Hebdo" drucken. Doch noch vor der Auslieferung brannten die Redaktionsräume. Charbonnier gab sich am Tag nach dem Anschlag unbeeindruckt, ja, fast schon genervt. Für ein Fernseh-Interview stellte er sich vor den Trümmerberg, doch er redete nicht etwa über Angst, sondern über Computer: "Wir brauchen jetzt schnell neue Räume und Material, um nächste Woche erscheinen zu können, denn eines ist ausgeschlossen: dass wir nächste Woche nicht erscheinen."

Ein knappes Jahr später veröffentlichte das Magazin auf seiner Titelseite eine Charb-Karikatur unter der Überschrift "Intouchables 2". Sie zeigt einen Muslim im Rollstuhl, der von einem Juden angeschoben wird. In einer Sprechblase über ihnen steht: "Man darf sich nicht lustig machen." Um die Zeichnung zu verstehen, muss man wissen, dass der Film "Ziemlich beste Freunde" im Original "Intouchables" heißt, "Die Unberührbaren" oder "Die Unantastbaren".

Ein Leben unter Polizeischutz

Nach Morddrohungen lebte Charbonnier unter Polizeischutz. "Das ist mittelmäßig lustig", erklärte er dem Radiosender Europe 1 mal, "aber wenn man die Wahl hat zwischen drei Polizisten an der Seite, um die Meinungsfreiheit zu gewährleisten, oder auf die Meinungsfreiheit zu verzichten, dann nehme ich die drei Polizisten." Im Jahr 2013 wurde bekannt, dass Charb neben Salman Rushdie auf einer Todesliste des englischsprachigen Al-Qaida-Magazins Inspire stand. Als Charbonnier am Mittwoch erschossen wurde, starb mit ihm auch einer seiner Leibwächter.

In seinen Zeichnungen gab Charb sich gerne radikal. Eine Kolumne in der Comic-Zeitschrift Fluide Glacial veröffentlichte er etwa unter dem Titel "La fatwa de l'Ayatollah Charb". Doch es wäre nun falsch, den Publizisten auf seine islamkritischen, bösen, vielleicht auch geschmacklosen Karikaturen zu reduzieren. "Wer das sagt, der liest uns nicht", erklärte er der Badischen Zeitung im November 2012. "Wir machen uns lustig über alle Religionen. Wir haben in 20 Jahren 1060 Ausgaben veröffentlicht, darunter waren nur drei Titelseiten über den Islam, die für Probleme sorgten. In derselben Zeit hatten wir 14 Prozesse mit extrem rechten Katholiken."

In der Tat war Charbonnier ein Verfechter des französischen Laizismus, er griff den Katholizismus ebenso frontal an wie das Judentum und jede Form von religiösem Fundamentalismus. Zugleich sympathisierte er mit den Kommunisten, engagierte sich für den "Front de gauche", einen Zusammenschluss linker Parteien.

Seine Kolumne im Charlie Hebdo hieß schlicht "Charb n'aime pas les gens" - "Charb mag die Menschen nicht". Angst vor den Menschen hatte er aber nie. Oder: Er wollte keine haben, er durfte sie nicht fürchten. Der Zeitung Le Monde sagte er 2012: "Ich habe keine Kinder, keine Frau, kein Auto, keine Schulden. Das klingt jetzt sicherlich ein bisschen schwülstig, aber ich sterbe lieber aufrecht, als auf Knien zu leben."

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