IS-Enthüllungsbuch "Die Geheimdienste wollen lieber Whatsapp-Nachrichten lesen"

Die Journalistin Souad Mekhennet in einer Talkshow

(Foto: Müller-Stauffenberg/imago)

Die Journalistin Souad Mekhennet hat sich mit hochrangigen IS-Mitgliedern getroffen und gemerkt, wo es bei der Terrorbekämpfung noch hakt.

Interview von Hakan Tanriverdi

Seit dem 11. September 2001 berichtet Souad Mekhennet über islamistischen Terrorismus, inzwischen fest für die Washington Post. In ihrem neuen Buch Nur wenn du allein kommst erzählt sie von Wegen, die Menschen in den Dschihadismus führen, und wie man über den IS berichten kann.

SZ: Frau Mekhennet, wie verrückt muss man sein, um sich mit einem hochrangigen Mitglied des "Islamischen Staats" zu treffen, das zuständig gewesen ist für die Folter von Geiseln?

Souad Mekhennet: Sie sprechen von Abu Yusaf. Zum Zeitpunkt des Interviews wusste ich noch nicht, dass er diese Funktion innehatte. Das IS-Video, auf dem James Foley hingerichtet wurde, war ebenfalls noch nicht publik. Der IS veröffentlichte es drei Wochen später, am 19. August 2014.

Aber Sie wussten, dass der IS Geiseln hielt. Deutsche Polizisten hatten Sie gewarnt, dass es Pläne gab, Sie unter Vorwand eines Interviews in die Region zu locken, um Sie anschließend zu entführen.

Dazu muss man wissen: Das Interview fand ein paar Wochen nach der Ausrufung des sogenannten Kalifats statt. Keiner wusste, was der IS eigentlich vorhatte. Ich bin Fellow an verschiedenen Institutionen in den USA und führte auch Gespräche mit Politikberatern, die auch die Obama-Regierung berieten. Die äußerten die kuriosesten Ideen über den "Islamischen Staat".

Was denn zum Beispiel?

Einige Leute haben gedacht: "Sollen die halt ihr Kalifat haben. Wenn sie erst einmal regieren, werden sie schon von selbst eines Besseren belehrt." Das waren teilweise sehr naive Vorstellungen.

Die eine Hälfte ist tot, die andere Hälfte will leben

Syrien, das hieß Schreiben, Denken, Bücher - und Krieg. Deutschland ist die Rettung. Aber es verschlägt einem hier die Sprache. Gastbeitrag von Chadar Al-Agha mehr ...

Also reisten Sie an die türkisch-syrische Grenze.

Wie alle anderen auch konnte ich nur analysieren, was der IS in sozialen Netzwerken von sich zeigte. Ich habe aber den Anspruch, von den Leuten selbst zu erfahren, wer sie sind und was sie eigentlich wollen. Unser Job ist es, mit allen Seiten zu reden. Dabei ist es egal, wie wir zu diesen Menschen stehen. Die Leser müssen die Chance haben, die Aussagen einer Person zu hören, die in dieser Gruppe aktiv ist - und in der Befehlskette eben nicht unten steht, sondern etwas zu sagen hat. Wer das Interview gelesen hat, konnte sehen, wohin die Reise geht.

Kurz vor dem anberaumten Treffen haben sich die Bedingungen plötzlich verändert.

Ja. Wir wollten uns tagsüber treffen, an einem Ort, wo viele Menschen sind. Stattdessen trafen wir uns kurz vor Mitternacht, in einem Auto. Ein Kollege von mir durfte nicht mit dabei sein. Ich habe mich dann dazu entschieden, dennoch hinzugehen. Hätte es das Foley-Video damals schon gegeben, hätten meine Redaktion und ich nicht zugestimmt, dass ich mich in das Auto setze.

Sie schreiben seit dem 11. September 2001 über islamistischen Terrorismus, treffen international gesuchte Verbrecher. Auch Geheimdienste interessieren sich für Ihre Arbeit.

Die wollen wissen, wo ich diese Leute treffe.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie in Nordafrika unter anderem auch von "hit teams" eines amerikanischen Geheimdienstes verfolgt wurden, als Sie 2008 den Anführer von al-Qaida im Maghreb besuchen wollten.

Die Dienste wollten wohl durch Journalisten an diesen Anführer rankommen. Wenn eine Drohne mal eine Rakete abfeuert, dann wäre ich wohl ein Kollateralschaden mehr oder weniger gewesen. Ich muss meinen Job aber ohnehin so erledigen, dass ich Geheimdienste nicht zu diesen Leuten führe.

Wie macht man das?

Das ist eine Herausforderung. Es gibt bestimmte Personen, mit denen ich nie über mein Handy telefonieren würde - und deren Nummer ich dort auch nicht eingespeichert habe. Im Fall von Jihadi John ...

... dem Schlächter des IS, Mohammed Emwazi, den Sie enttarnt haben.

Dafür musste ich mich mit einer Quelle treffen. Die übergab mir eine von ihnen ausgesuchte Sim-Karte, unter der mich dann jemand anrief. Ich muss manchmal die Spielregeln der Seite befolgen, mit der ich reden will, zumindest, was die Kommunikation angeht. Ich lasse mir aber nicht sagen, welche Fragen ich stellen darf und welche nicht.