Terra X im ZDF Hape Kerkeling macht uns die Kleopatra

Er ist der TV-Liebling der Deutschen und vielleicht der neue Gottschalk. Jetzt erzählt Hape Kerkeling als Reiseleiter mit Perücke im ZDF Geschichte mal nicht als donnerndes Drama, sondern als behagliche Unterhaltungssendung. Beim Auftakt in Ägypten ist er gut gelaunt - aber ohne Witz.

Von Joseph von Westphalen

Von so einem netten und bescheidenen Onkel, der nur ein bisschen mit seiner Beliebtheit kokettiert, aber weiter nicht angibt, sondern sein Unwissen mit Pfiffigkeit kompensiert, hätte man sich als Kind gern Geschichte erklären lassen. Reiseleiter Kerkeling, charmant radebrechend mit ägyptischen Schiffern einen Preis für die Nilfahrt aushandelnd, ganz deutscher Bildungstourist, macht die ihm als bildungsbeflissene Gruppe folgenden Zuschauer zu seinen Nichten und Neffen.

Hape Kerkeling als Kleopatra in Unterwegs in der Weltgeschichte - Seine Reise um die Welt beginnt in Ägypten.

(Foto: dpa)

Man könnte fragen, ob hier nicht eine Infantilisierung der Zuschauer stattfindet. Die Frage wäre zu streng und arrogant. Natürlich kommt das Niveau der Kerkeling'schen Zeitreise nicht über das von liebevoll und politisch korrekt geschriebenen Jugendbüchern über verflossene Epochen hinaus. Das aber ist kein Einwand. So eine Aufbereitung der Weltgeschichte kann klug und auch für Erwachsene sinnvoll sein.

Was in seiner Behaglichkeit wie eine alte Sonntagnachmittag-Fernsehsendung daherkommt, könnte erhellender sein als die Darstellung der Historie als donnernd dräuendes Drama, wie es Guido Knopp zu späterer Stunde ebenfalls im Zweiten Deutschen Geschichtsfernsehen auf den Bildschirm bringt. Die Weltgeschichte hat nicht nur Großes und Grauenhaftes hervorgebracht. Die Herrscher waren oft genug durchgeknallte Kindsköpfe.

Es sieht so aus, als ob Kerkeling und sein Autor und Regisseur Gero von Boehm diesen Aspekt nicht würdigen. Schade, weil im Vorfeld der Ausstrahlung allerlei Wind um den Verkleidungskünstler gemacht wurde. Kerkelings Auftritte als Echnaton und Nofretete aber gehen unter, und es steht zu befürchten, dass er in den späteren Folgen auch als Ludwig XIV., als Katharina die Große und als Gorbatschow seine komischen Talente nicht wird gebührend entfalten können.

Das ZDF warb im Vorfeld mit diesen Rollenspielen von Deutschlands "vielseitigstem Entertainer", mit einer anderen, "augenzwinkernden" Geschichtsbetrachtung. Der gut gelaunte Kerkeling führt die Zuschauer mit freundlicher Naivität durch die Zeiten, humorig schmunzelnd, aber ohne Witz. Man lässt ihn nicht herumalbern, oder er will es nicht. Im Gegenteil: Er ist nicht unpädagogisch um Seriosität bemüht, um das Demonstrieren und Wecken von historischer Neugierde. Er schreitet als braver und gottgefälliger Pilger voran, der mit Ehrfurcht die Pilgerstätten aufsucht, uns das Staunen beibringen will und sympathisch uneitel eine historische Laienhaftigkeit bekennt.

Man darf sich nicht vorstellen, was Loriot daraus gemacht hätte. Er hätte den gutmütigen Reiseleiter nicht gespielt sondern grell karikiert und mit ihm das Bildungsbürgertum. Wenn Loriot in die Rolle des Pharao geschlüpft wäre, hätte wirklich jeder kapiert, dass Pyramiden auch Zeugnisse eines grausamen Größenwahns sind. Die ZDF-Serie Terra X bemüht sich um "charismatische Reiseleiter", die durch ihre Folgen führen. Hape Kerkeling ist ein netter Kerl und als möglicher Gottschalk-Nachfolger zur Zeit in aller Munde. Aber Marktwert ist nicht Charisma. "Ich bin dann mal unterwegs - in der Weltgeschichte", sagt er zu Beginn. Die Selbstreferenz auf seinen Ich-bin-dann-mal-weg-Bestseller (als wäre dieser Titel bereits ein Werk der Weltliteratur) werden seine Fans schätzen.

Von 100 ("strapaziösen") Drehtagen weiß die ZDF-Homepage zu berichten und bedankt sich allen Ernstes für die Strapazen. Aber muss man Onkel Hape unbedingt im hellen Anzug am Nil stehen sehen? Bilder und Botschaften bleiben trotz des Aufwands nicht hängen. Kein Wunder. 5000 Jahre in sechs mal 45 Minuten! Maximilian Schell hatte vor einigen Monaten in Terra X über das Rittertum sehr viel charismatischer, konkreter und erinnerlicher die immensen Kosten einer Rüstung verdeutlicht (vier Kühe) und damit mehr historisches Verständnis geweckt.

Sendung: Terra X im ZDF, Samstag, 19.30 Uhr.