Tatort Bremen Mit wem kann Stedefreund noch schlafen?

Zusammen haben sie keine Zukunft: Linda Selb und Stedefreund.

(Foto: Radio Bremen/Michael Ihle)

Aus dem Bremer "Tatort" hätte ein guter, gesellschaftskritischer Fall werden können. Wären da nicht die Liebesspiele des Kommissars.

Von Carolin Gasteiger

Die Erkenntnis:

Aus "Zurück ins Licht" hätte viel werden können. Ein gesellschaftskritisches Stück über zu hohe Anforderungen in der viel gescholtenen Leistungsgesellschaft. Was passiert, wenn das Bedürfnis nach Anerkennung krankhaft wird? Was, wenn man auf der Suche nach Liebe verzweifelt? Was, wenn ein ungebrochener Wille dazu führt, dass man für den Erfolg zu allem bereit ist, selbst zum Mord? Aber diese Fragen verliert der Bremer Tatort aus dem Blick. Wichtiger scheint etwas anderes: Kommissar Lars Stedefreund muss sich sexuell austoben.

Darum geht es:

Mehr als einen abgetrennten Finger und Blutspuren in einem vor Monaten abgestellten Auto haben die Bremer Kommissare Inga Lürsen und Stedefreund anfangs nicht. Indizien, die auf einen Mord hinweisen. Bald wird klar, dass es sich bei dem Opfer um einen Pharmaunternehmer handelt, der vor Monaten verschwunden ist. Als letzte hatte die Pharmavertreterin Maria Voss mit ihm zu tun, deren Kampf um Anerkennung und berufliches Weiterkommen beängstigend wirkt. Die Ermittler bekommen Hilfe von BKA-Kollegin Linda Selb, die mit Stedefreund zusammen ist. Aber der Kommissar fühlt sich bald sehr zu Voss hingezogen.

Ein "Tatort", der viel will und noch mehr vergeigt

Erratische Figuren und ein Pharmaskandal, für dessen Enthüllung leider keine Zeit bleibt: Der Bremer Fall will lieber Charakterstudie als Krimi sein. Aber das geht schief. Von Katharina Riehl mehr ...

Bezeichnender Dialog:

Stedefreund beichtet seiner Kollegin, dass er mit der Verdächtigen geschlafen hat. Und Lürsen reagiert anders als erwartet.

Lürsen: Hat sie denn wenigstens was zu dem Fall gesagt?

Stedefreund: Nein. Es tut mir leid.

Lürsen: Hm. Weißt du was? Vielleicht waren wir bisher einfach zu nett. Wir sollten schmutziger spielen.

Top:

Mit Linda Selb und Maria Voss treten in diesem Bremer Tatort gleich zwei besondere Frauenfiguren auf. Beide sind hochintelligent. Aber wo die eine (Selb) analytisch, vorlaut und rational vorgeht und Stedefreund dabei immer wieder vor den Kopf stößt, versucht es die andere (Voss) auf die verführerische Art. Mit säuselnder Stimme, laszivem Lächeln und ohne Berührungsängste bezirzt sie die Männer um sich herum und manipuliert alles zu ihrem eigenen Vorteil, vom eigenen Lebenslauf bis hin zum Familien-Abendessen. Von der vermeintlichen Zartheit Voss' hat Selb rein gar nichts. Sie ist knallhart, geradeheraus und völlig unangepasst. In ihrer doppelten Exzentrik sind die beiden Frauen allerdings ein bisschen viel für einen Tatort. Und für Stedefreund.

Flop:

Der beste Freund des Opfers beginnt mit dessen Witwe eine Affäre. Seine Frau wiederum, von der er getrennt lebt, holt erst ihrem Geschäftspartner einen runter und lässt sich später mit Stedefreund auf einen Quickie an der Weser ein. Aber Stedefreund ist eigentlich mit BKA-Kollegin Selb liiert und hat mit ihr auch mal auf dem Wohnzimmerteppich Sex. Vor lauter wer-mit-wem gerät die eigentliche Handlung des Tatorts völlig in den Hintergrund. Woher kam nochmal der abgetrennte Finger? Was war mit dem Pharmaskandal, den Selb drauf und dran war aufzudecken? All das scheint die Macher weniger interessiert zu haben als die Frage: Wo und mit wem könnte Stedefreund als nächstes schlafen?

Beste Szene:

Auf jeden Fall eine der ehrlichsten Szenen: Als der Kommissar von seinem Seitensprung nach Hause kommt, sitzt seine Freundin auf dem Boden, um sie herum liegen Dokumente im Kreis ausgebreitet. "Tadaa", präsentiert Selb Stedefreund stolz, was sie über Voss herausgefunden hat. Über die Frau, mit der er sie gerade betrogen hat. Selb zerlegt deren Lebenslügen nach und nach und schließt: "Alles fake. An der Frau ist nichts echt." Stedefreund bleibt nur, kleinlaut zu beichten. Als Selb daraufhin mit den Worten "Quitt, würde ich sagen" den Raum verlässt, holt der Kommissar tief Luft. Ist vielleicht doch alles ein bisschen viel.

Die Pointe:

Stedefreund und Linda Selb sprechen sich aus. Inklusive Trennung. "Ich habe durch dich eine Menge gelernt. Auch über mich", sagt der Kommissar. Er wolle sogar Kinder - "aber nicht mit mir", vervollständigt Selb den Satz. "Ich bin viele", sagt sie. "Aber vielleicht ein paar zu viel für mich", sagt Stedefreund. Wie Selb dann mit einem lässigen Winken davonschlendert und der Kommissar ihr gutmütig hinterherlächelt, denkt man: Es ist für alle das Beste, dass es vorbei ist. Wie dieser Tatort.

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