ARD-Krimi aus Bremen Ein "Tatort", der viel will und noch mehr vergeigt

Für Handlung bleibt im Bremer Tatort keine Zeit: zu viele amouröse Verwicklungen bei Nils Stedefreund.

(Foto: dpa)

Erratische Figuren und ein Pharmaskandal, für dessen Enthüllung leider keine Zeit bleibt: Der Bremer Fall will lieber Charakterstudie als Krimi sein. Aber das geht schief.

Von Katharina Riehl

Der letzte Tatort aus Bremen lief im März und war eine Episode, die hängen blieb. "Nachtsicht" handelte von einem Mann, der in der Dunkelheit mit einem zur Waffe umgebauten Auto durch die Straßen fuhr - vor allem aber war der Film das gelungene Porträt einer kaputten Familie. Auch diesmal will der Tatort mit den Kommissaren Inga Lürsen und Nils Stedefreund lieber Thriller sein und Charakterstudie als Krimi, aber wenn er hängen bleibt, dann weil das ziemlich schiefgeht.

"Zurück ins Licht" heißt die Episode (Regie: Florian Baxmeyer, Buch: Christian Jeltsch und Olaf Kraemer), und sie beginnt bei Nacht. Eine Frau gleitet auf Rollerblades durch die dunklen Straßen, ein abgeschnittener Finger fällt auf Steine, später wird ein Auto mit sehr viel Blut in einem Parkhaus gefunden. Zu Tode gekommen ist ein Pharmaunternehmer, den seine Frau nicht genügend vermisst, um mit einer größeren Suchaktion auf seine Abschiedsmail zu reagieren.

Eigentlich aber geht es in diesem Tatort um eine andere Frau, um Maria Voss, die Frau mit den Rollerblades. Man sieht sie auf kleinen Monitoren Vorträge über ihre Erfolge halten, man sieht Zeitungsausschnitte, die über ihre Erfolge berichten, man sieht sie Pillen einwerfen und sich selbst auf den nächsten Erfolg einstimmen. Dass mit Maria Voss etwas nicht stimmt, das spielt Nadeshda Brennicke nicht unbedingt subtil, eher mit entrücktem Blick und tänzelnden Bewegungen, die Kamera immer ganz nah dran.

Was genau mit Maria Voss nicht stimmt, wird dann die BKA-Kollegin Linda Selb (Louise Wolfram) enthüllen. Selb, seit einem Jahr im Bremen-Tatort zugange, zeigt Anzeichen eines Asperger-Syndroms und fischt dementsprechend hochbegabt und flugs alles Wichtige aus dem Internet. Sie findet Antworten auf Fragen, die man sich zu keinem Zeitpunkt gestellt hatte, was daran liegt, dass dieser Tatort nur erratische Figuren etabliert. Einen Pharmaskandal findet Selb im Internet übrigens auch, aber dafür ist keine Zeit mehr: zu viele amouröse Verwicklungen bei Nils Stedefreund. Ein Tatort, der viel will und noch sehr viel mehr vergeigt.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

Krimispannung ohne Kommissar

Der Regisseur Hans-Christian Schmid hat für Das Erste eine Serie gedreht. "Das Verschwinden" ist richtig, richtig gut. Und schafft etwas, was im deutschen Fernsehen nur selten gelingt. Von Katharina Riehl mehr...