Tatort aus Kiel "Hauen Sie ab!"

Sind zum Schluss gar nicht mehr nett zueinander: die Kieler Kommissare Klaus Borowski und Sarah Brandt

(Foto: NDR/Christine Schroeder)

In diesem Kieler "Tatort" hören Borowski und Brandt gar nicht mehr auf, miteinander zu streiten. Dabei ist es doch ihr letzter gemeinsamer Fall. Die Nachlese.

Von Paul Katzenberger

Erkenntnis:

Es gibt Menschen, die sind charmant und eigentlich anständig. Aber weil sie immer wieder wütend werden - in einem Maße, dass sie die Kontrolle bis zur Handgreiflichkeit verlieren, bringen sie sich um all ihre sozialen Beziehungen, sowohl im Beruf als auch bei Freunden und Familie. Das kann schlimm enden. Vor allem, wenn es den Bezugspersonen solcher Extremcholeriker schwer fällt, sich an das christliche Gebot zu halten, vorrangig das Gute im Menschen zu erkennen.

Eigentlich dreht sich der Fall um ...

... ein doppeltes Tötungsdelikt. Ausgerechnet während des Ausnahmezustands der "Kieler Woche", in den die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt jeden Juni verfällt, bekommen es die Kommissare Klaus Borowski und Sarah Brandt mit einer Mordserie zu tun. In einer leer stehenden Wohnung in der Kieler Innenstadt wird die junge Maren Reese erschlagen aufgefunden. Vom Täter fehlt jede Spur. Dass wenig später der Drogendealer Daniel erstochen wird und an seiner Leiche dieselben Täter-Spuren gefunden werden, erzeugt im Ermittler-Team Spannungen: Während Brandt den Täter zur Fahndung ausschreiben will, mahnt Borowski zur Besonnenheit.

Und dann geht's doch um ...

... die Tragik menschlicher Unvollkommenheit. Alle Menschen haben Stärken und Schwächen, die sich meistens irgendwie ausbalancieren. Wie ungut aber, wenn schlechte Charakterzüge all das Gute einer Persönlichkeit zu überdecken scheinen. Dann wird es schwierig. Anders gesagt: Würden Mitmenschen das Gute rechtzeitig anerkennen, ist das nicht nur reine Philanthropie, sondern könnte eine unsinnige Eskalation der gegenseitigen Verletzungen verhindern. Oder gar Totschlag. Der Täter in diesem Tatort ist im Grunde ein feiner Kerl,- er rettet Borowski sogar vor dem sicheren Erstickungstod. Und doch er ist seelisch so verletzt, dass er im Affekt zum Totschläger wird. Das hätte nicht sein müssen, wenn ihm sein Umfeld irgendwann signalisiert hätte, dass er trotz all seiner Schwächen ein wertvoller Mensch ist.

Ein Mann im Kampf, mit sich, mit allen anderen

Den letzten Tatort vor der Sommerpause mit den Kommissaren Borowski und Brandt sollte man unbedingt sehen. Allein schon wegen des Auftritts von Mišel Matičević. Von Holger Gertz mehr ...

Bezeichnender Dialog:

Borowski und Brandt sichern Spuren am Tatort des zweiten Gewaltverbrechens - und geraten aneinander.

Brandt: Er tötet Maren Reese und jetzt den hier. Und Sie holt er aus einer brennenden Wohnung. Was soll das?

Borowski: Sie meinen, ein Mensch, der die einen tötet und andere rettet, das ist bei Ihnen so nicht vorgesehen?

Brandt: Nein, ist es nicht.

Borowski: Und das ist es, was Ihnen Angst macht.

Brandt: Jetzt kriegen Sie sich mal in den Griff, oder hauen Sie ab.

Borowski: Also, dass ich noch am Leben bin, das finde ich eigentlich gar nicht schlecht. Wahrscheinlich hat er einfach versucht, die Spuren zu verwischen.

Brandt (wird laut): Genau das ist es, was Sie nicht begreifen. "Vielleicht" reicht nicht. In Kiel läuft ein Mann rum, der tötet und Feuer legt. Der hat wahrscheinlich alle Hemmungen verloren.

Borowski: Ja, er hat eben einen Grund. Frau Brandt, nur weil er ein Mann ist, der weinende Frauen erschlägt, hören Sie auf, logisch zu denken.

Brandt: Ich? Ihr blödes Macho-Gehabe nervt langsam. Wissen Sie was: In Wirklichkeit sind Sie genauso beziehungsgestört wie er.

Der Vorwurf sitzt. Nach dem Disput läuft Borowski durch die Straßen und drückt an den Autos die Außenspiegel ein.

Top:

Großartige Schauspielleistung von Mišel Matičević, der den Täter Roman Eggers in seiner Zerrissenheit überzeugend darstellt. Dieser Mann kann innerhalb von wenigen Sekunden eine tödliche Bedrohung für jeden werden, der gerade mit ihm zu tun hat. Und doch empfindet der Zuschauer genau dieses Mitgefühl, das Borowski - sehr zum Verdruss Brandts - mit ihm zu haben scheint.

Flop:

Dieser Kieler Tatort, der schon 2015 gedreht wurde, schließt sich chronologisch an den Fall "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" vom November 2015 an. Das Erste zeigte dazwischen jedoch drei andere Episoden um Hauptkommissar Borowski. Das hat den Vorteil, dass "Borowski und das Fest des Nordens" nun genau während der Kieler Woche gezeigt werden kann. Doch es überwiegt der Nachteil, dass sich viele Zuschauer nicht mehr daran erinnern werden, wie sehr beide Kommissare in "Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes" an ihre psychische Belastungsgrenze getrieben wurden. "Borowski und das Fest des Nordens" ist daher manchmal schwer nachzuvollziehen. Warum nimmt Brandt Psychopharmaka gegen Angstzustände? Warum gehen die beiden so gereizt miteinander um? Weil ihnen immer noch der Psychopath Kai Korthals (Lars Eidinger) im Nacken sitzt. Doch das sagt einem leider niemand.

Beste Szenen:

Borowski hält den untergetauchten Täter für einen Geist und erhofft sich beim Italiener fernöstliche Aufklärung über das Wesen der Geister durch die vietnamesische Kellnerin "Francesca" (Thao Vu). Die weiß zwar auch nichts über Geister, ist aber immerhin so reizend, mit dem angetrunkenen Borowski über das Volksfest der Kieler Woche zu ziehen. Er trägt sie sogar huckepack herum. Das Ganze wurde während der Kieler Woche 2015 gedreht - in der Menge, ohne Ankündigung und ohne Absperrung. Und damit sehr lebensnah.

Die Schlusspointe:

"Verschwinden Sie aus meinem Leben - hauen Sie ab!" Das sind die letzten Worte, die Borowski zu Brandt in diesem Tatort sagt. Die Ironie an dem Ganzen: Borowski meinte es damals - 2015 - nicht so ernst, wie es nun zu verstehen ist. Denn Anfang dieses Jahres verkündete Sibel Kekilli ihren Ausstieg aus dem Tatort. "Borowski und das Fest des Nordens" ist ihr letzter Fall. Und Borowskis Abschiedsworte sind - leider - ernstzunehmen.

Die besten Zuschauerkommentare: