Talkshows und Populismus Schweigejahr für Plasberg und Co?

Jetzt reicht's: Wolfgang Bosbach floh 2017 bei Maischberger vor Jutta Ditfurth. Auch viele Zuschauer finden Talkshows zum Davonlaufen.

(Foto: Melanie Grande/dpa)

Der Deutsche Kulturrat fordert eine einjährige Sendepause für Talkshows. Der wer? Und wie realistisch ist das? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Von Claudia Tieschky

Lieber erst mal Pause? Ein Jahr Auszeit für Talkshows in ARD und ZDF hat Olaf Zimmermann angeregt. Er ist der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats und empfiehlt dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen den Rückzug in die Denkecke als Konsequenz aus den vergangenen Tagen. Die viel beachtete Forderung wirft einige Fragen auf.

Was ist passiert?

Es war eine Woche, in der das Erste plötzlich auf sehr umstrittene Art zum Agendasetter beim Thema Flüchtlinge, Migration und Islam wurde - auf einem zweifellos quotenträchtigen Terrain. Montags hieß das Thema bei Frank Plasberg: "Junge Männer, geflohen aus Krieg und archaischen Gesellschaften - für viele hierzulande Grund zu Sorge und Angst. Können solche Flüchtlinge überhaupt integriert werden? Wie unsicher wird Deutschland dadurch?" Mittwoch legte Maischberger nach mit "Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?" Kritiker warfen speziell Plasberg Framing bei der Themenformulierung vor, also eine von vornherein negative Verordnung von Flüchtlingen. Kritisiert wurde auch, die vielen Talks zum Thema würden von Populismus getrieben und Slogans im Stil der AfD transportieren - selbst wenn Plasberg, wie er am Montag erklärte, als Reaktion auf Alexander Gaulands "Vogelschiss"-Rede den AfD-Chef nicht mehr in die Sendung laden will.

Wie kam das Talk-Drama zustande?

In beiden Fällen waren die Talks gewissermaßen die Zugabe zu Filmen, die auf durchaus differenzierte Art zur Auseinandersetzung einluden: Am Montag war das eine Doku, die nach den Hintergründen und Umständen der Gewaltverbrechen fragte, die Flüchtlinge im Dezember 2017 an jungen Mädchen in Darmstadt und Kandel verübten. Und am Mittwoch zeigte das Erste zunächst die bemerkenswerte Verfilmung von Michel Houellebecqs gesellschaftsironischem Roman "Unterwerfung" mit Edgar Selge in der Hauptrolle. Dort wird Frankreich zwischen einer unfähigen linken Regierung einerseits und nationalistisch-identitären Gruppen andererseits so zerrieben, dass die Wahl schließlich zugunsten der Muslimbruderschaft ausgeht und das Land islamisiert wird. Unterwerfung war vom RBB von Anfang an als Schwerpunkt mit einem Maischberger-Talk geplant worden. Dass die Themenwahl von Frank Plasberg dabei nicht weiter auf Widerspruch stieß, erklärt die Programmdirektion auf Nachfrage so: Der vor Plasbergs Talk ausgestrahlte Film gehöre zur einer neuen TV-Reihe "Was Deutschland bewegt". Es sei von vorneherein beabsichtigt gewesen, "das Thema gegebenenfalls bei Hart aber Fair weiter zu traktieren". Der ARD-Chefredakteur Rainald Becker, der die Talks koordiniert, "wusste von der Themenwahl der beiden Talkshows und hat diese nicht nur gebilligt, sondern für gut befunden".

Die ARD findet die Themenwahl also gut. Warum verlangt der Kulturrat dann: Ruhe, bitte?

Nach Ansicht von Olaf Zimmermann haben die vielen Talks über Flüchtlinge und Islam "dabei geholfen, die AfD bundestagsfähig zu machen. Die Spaltung der Gesellschaft hat seit 2015 deutlich zugenommen. Gestern Abend wurde in der Talkrunde im Ersten allen Ernstes schwerpunktmäßig über das Händeschütteln als einen vermeintlichen Ausdruck deutscher Kultur debattiert". Er findet, die Talks sollten sich eine einjährige Auszeit nehmen und ihre Konzeption überarbeiten: "Vielleicht wird die talkshowfreie Zeit der Integration in unserem Land nützlich sein?"

Was ist eigentlich dieser Kulturrat?

Der Kulturrat ist eine Lobbyorganisation der Kulturschaffenden und vertritt ihre Interessen gegenüber Politik und Verwaltung, seine Aufgabe sieht er auch darin, "kulturpolitische Diskussion auf allen politischen Ebenen anzuregen und für Kunst-, Publikations- und Informationsfreiheit einzutreten". Er äußert sich zu Themen wie der Urheberrechtsreform ebenso wie zum Stellenwert künstlerischer Schulfächer und den kulturpolitischen Zielen im Koalitionsvertrag. Der Kulturrat ist zugleich der Spitzenverband der Kulturverbände, zu den Mitgliedern zählen etwa der Deutsche Musikrat, die Deutsche Kunstrat oder der Deutsche Medienrat. Sie entsenden Mitglieder in den Sprecherrat, die Fachausschüsse und die Versammlung des Kulturrats. Die 1981 gegründete Arbeitsgemeinschaft ist nach eigenen Angaben politisch unabhängig.

Was ist von dem Vorschlag zu halten?

Das kann man so oder so sehen. Zimmermann wird viel Zuspruch bei allen finden, denen sowieso zu viel getalkt wird - dazu zählen sogar Intendanten der ARD. Und Ablehnung bei allen, die "Geh in die Ecke und schweig" für repressiv halten. In Schutz nehmen muss man ARD und ZDF vor solchen Zwischenrufen nicht. Das ist keine staatliche Intervention. Der Vorschlag ist eine Stimme aus den viel zitierten gesellschaftlichen Gruppen, die den Rundfunk kontrollieren sollen und es viel zu selten tun. Kaum vorstellbar ist allerdings, dass Frank Plasberg, Anne Will, Sandra Maischberger und Maybrit Illner nach einem Jahr Schweige-Sabbatical geläutert für einen neuen Versuch zurückkommen. Sagen wir es so: Zimmermanns Vorschlag ist Populismus gegen Populismus.

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