Sherlock-Sonderfolge "Die Braut des Grauens" Sherlock kehrt zurück - als zugedröhnter Junkie

Auch stundenlanges Meditieren kann Sherlock helfen, einen Fall zu lösen.

(Foto: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films 2)

Die Sonderfolge "Die Braut des Grauens" versetzt Holmes alias Benedict Cumberbatch ins 19. Jahrhundert zurück. Das ist verwirrend und großartig zugleich.

TV-Kritik von Carolin Gasteiger

All diese Gedanken und Zeitsprünge. Eben noch im Wohnzimmer des 19. Jahrhunderts, dann wieder in einem Jet der Neuzeit. Vom Telegrammstil ins SMS-Zeitalter und zurück. Der neue Sherlock-Fall stiftet Verwirrung. Aber er ist auf seine Weise genial.

Mit "Die Braut des Grauens" kehrt Benedict Cumberbatch als moderne Version des Privatdetektivs Sherlock Holmes nach zwei Jahren Abstinenz zurück. Im BBC-Fernsehen lief die Sonderfolge zu Jahresbeginn; nun zeigt die ARD ihn im Osterprogramm. Das Setting ist das viktorianische London. Viele hatten das im Vorfeld moniert, steht der Cumberbatch-Sherlock doch für Geistesbrillanz mit Smartphone und Laptop und blitzschnelle Deduktionen im Stakkato eines Twitter-Posts. Nun wird ausgerechnet dieser Nerd-Detektiv zurück ins 19. Jahrhundert versetzt, in die Zeit also, als ihn sein literarischer Schöpfer Sir Arthur Conan Doyle erfand?

Telegramme statt SMS, Gedankenspiele statt Google

Aber der Genialität Sherlocks tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Sherlock ist seiner Zeit voraus, egal wann. In "Die Braut des Grauens" überrumpelt er seinen Gefährten Watson (Martin Freeman ungewohnt üppig schnauzbärtig) eben mit Telegrammen statt mit SMS.

Eines muss hier jedoch verraten werden: Sherlock ist ein Junkie. Ja, genau das. Mit einer siebenprozentigen Kokainlösung im Blut - also ziemlich high - beamt er sich in seinem "Gedankenpalast" um 100 Jahre zurück, um einen Fall zu rekonstruieren, der im viktorianischen London spielt. "Die Braut des Grauens" heißt Emilia Ricoletti und erschießt sich in aller Öffentlichkeit in ihrem Brautkleid. Kurz darauf kehrt sie aber zurück und erschießt ihren Ehemann. Von da an taucht die Braut immer wieder auf und legt, den weißen Spitzenschleier vor dem von Lippenstift verschmierten Mund, scheinbar wahllos Ehemänner um. Warum dieser Fall für den Sherlock der Neuzeit so wichtig ist? Weil er durch ihn eine viel essenziellere Frage klären will: die Rückkehr seines Erzfeindes Moriarty.

Klingt wirr? Ist es auch. Aber wie soll es anders zugehen in einem von Kokain umnebelten, blitzgescheiten Geist? Steve Moffat und Mark Gatiss (herrlich als Sherlocks überfressener Bruder Mycroft) haben sich als Autoren bei "Die Braut des Grauens" ganz schön ausgetobt, was man auch an den Dialogen merkt. "Sind es Zwillinge?", fragt Watson an einer Stelle und meint eigentlich die tote Emilia Ricoletti. "Es sind niemals Zwillinge", kontert Sherlock entschlossen und spielt damit auf den Verdacht an, Moriarty könne einen Zwilling haben.

Bei all den Perspektivwechseln, unterschiedlichen Zeitebenen und feinen Anspielungen könnte man fast meinen, dass nicht nur die Hauptfigur im Drogenrausch ist, sondern auch die Autoren. Schlussendlich erläutert der sonst eher chauvinistische Sherlock sogar den Feminismus (was ihm britische Fans nach Ausstrahlung sehr übel nahmen). Auch dafür ist in Sherlocks krankem, pardon, verdrogtem Hirn Platz. Wundern ist ausdrücklich erlaubt.

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"Die Braut des Grauens" ist also eine Zumutung. Inhaltlich ist dies im besten Sinne, sprachlich allerdings im wörtlichen gemeint. Hat die ARD den Originaltitel "The Abominable Bride" doch ziemlich plump eingedeutscht und auch die Synchronisation schwächt viele der im Original brillanten Dialoge ab. Trotzdem verkürzt dieses feine Verwirrspiel die Wartezeit auf die vierte Staffel, die für 2017 geplant ist. Was die Zuschauer dann erwartet, kündigt Sherlock ganz zum Schluss an. "Moriarty ist tot. Keine Frage. Aber was noch wichtiger ist: Ich weiß genau, was er als nächstes vorhat."

Sherlock "Die Braut des Grauens", ARD, Ostermontag, 21.45 Uhr