Schwarzwald-"Tatort" Bei der Pflaumenernte singen sie Nazilieder

Trotz ihres Trauerfalls helfen Jugendfreund Volkmar (Nicki von Tempelhoff, l.) und dessen gesamte Familie Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) bei der Ernte auf seinem ererbten Hof.

(Foto: SWR/Benoît Linder)

Der zweite "Tatort" aus dem Schwarzwald will zeigen, wie eng Heimatverbundenheit und rechtes Gedankengut beieinanderliegen können.

Von Carolin Gasteiger

Die Erkenntnis:

Bodenständige, fortschrittsfeindliche Landwirte neigen zu rechtsnationalen Ansichten. Zumindest die in "Sonnenwende". Tagsüber bringen sie die Ernte ein und helfen ihren Nachbarn. Aber wenn es dunkel wird und der Nebel über die Wipfel des Schwarzwalds zieht, versammeln sie sich mit völkischen Siedlern und Neonazis zur Totenwache und skandieren dabei rechte Parolen. Damit will der zweite Schwarzwald-Tatort illustrieren, wie beängstigend nah Heimatverbundenheit und rechtes Gedankengut beieinander liegen können.

Darum geht es:

Die junge Sonnhild Böttger bricht im Unterricht zusammen und stirbt später in ihrem Elternhaus an Diabetes. Angeblich. Vor allem Kommissarin Franziska Tobler will nicht so recht an die vermeintliche Todesursache glauben. Überhaupt liegt hier irgendetwas im Argen: Die Gerichtsmedizinerin will sich nicht äußern, der Hausarzt der Familie verhält sich merkwürdig und auch die Lebensweise der Böttgers ist zumindest ungewöhnlich. Sie leben auf einem abgeschiedenen Bauernhof, bauen Obst und Gemüse selbst an und lehnen jegliche moderne Technologie ab. Tobler irritiert diese Weltverweigerung, ihr Kollege Friedemann Berg findet hingegen daran Gefallen. Sonnhilds Vater kennt er noch von früher und da er selbst von einem Bauernhof stammt und immer noch Zibärtle-Pflaumen anbaut, fühlt er sich den Böttgers nah. Aber als sich die heimatverbundenen Ansichten seines Jugendfreunds langsam zu völkischen Parolen steigern, beschleichen auch Berg Zweifel.

Bezeichnender Dialog:

Böttger und Berg reden über die Zibärtle, die Bergs Großvater schon angepflanzt hat. Und, das hat der Tatort bis dahin schon geschafft, man glaubt, in den Sätzen von Heimatstolz schon AfD-Parolen zu lesen.

Böttger: Dein Vater wusste Bescheid. Aber heutzutage ist das alles egal. Traditionen zählen da nicht mehr. Die ganze Globalisierung, Einfluss internationaler Konzerne ...

Berg: Es geht doch nur ums große Geld.

Böttger: Alles wird zur Ware. Hier (zeigt Berg eine Handvoll Schnapspflaumen) - dieses Erbgut ist unbezahlbar. Unverändert seit keltischer Zeit. Es ist eine Lebensaufgabe, heimische Arten zu schützen.

Berg: Schön, dass das mal jemand so sagt.

Top:

"Sonnenwende" erzählt leise, aber bedrückend von den geheimen Ängsten und Verblendungen der Menschen. Das ist gelungen, weil sich der Film nicht auf den Mordfall konzentriert, sondern die Familie Böttger in den Mittepunkt rückt. Vater Volkmar (Nicki von Tempelhoff), rauschebärtig und tief verbunden mit seiner Heimat, Mutter Almut (Alexandra Schalaudek), ganz leise aber voller Liebe für ihre Kinder und Tochter Mechthild (Janina Fautz), die wie ihre Schwester zwischen Tradition und Fortschritt schwankt. Vor allem diese drei und Torsten Schmidt (David Zimmerschied), der Verlobte der Toten als zwielichtiger V-Mann, sind wunderbar besetzt. Bei diesen fein gezeichneten Charakteren braucht es keine Tatort-typischen Verhörszenen mehr oder Ermittler, die mit ihren privaten Problemen die Handlung völlig vereinnahmen.

Flop:

Die gegenläufigen Positionen der beiden Kommissare wirken schon ziemlich konstruiert. Tobler verrennt sich völlig in den Fall (was ihr auch der Mann, mit dem sie versucht ein Kind zu kriegen, bestätigt, und sie eines Abends aus dem Bett flüchten lässt). Berg hingegen wirkt unglaubwürdig naiv, wenn er über den Hof der Böttgers läuft und immer wieder betont: "Die machen es richtig." Vielleicht sollte er lieber auf seinem Hof arbeiten statt in Mordfällen zu ermitteln.

Beste Szene:

Friedemann Berg schreitet die Reihen seiner Obstbäume ab und sieht der Familie Böttger zu, die ihm samt kleinen Kindern und Torsten Schmidt bei der Ernte hilft. Sie alle singen dabei Sonnhilds Lieblingslied, wie Volkmar Böttger Berg erklärt, und wirken dabei ein bisschen wie Fernsehwerbung für naturtrüben Apfelsaft oder Bio-Babybrei. Beängstigend wirkt die Szene erst im Nachhinein, als Kommissar Berg das Lied recherchiert und entdeckt, dass es aus den Dreißigerjahren stammt und von einem Nazi komponiert wurde. Prompt schlägt das Fernsehwerbungsbild um in Propaganda hinterlässt ein ungutes Gefühl.

Pointe:

Torsten Schmidt ist als Mörder von Sonnhild Böttger identifiziert und flüchtet vor einem Trupp Polizisten in den Wald. Als die Beamten ihn schließlich gegen einen Baum gelehnt finden, ist er tot. Schmidt hat selbst das Rattengift geschluckt, das er zuvor einem anderen V-Mann und seiner Verlobten Sonnhild verabreicht hatte. Tobler macht ihrer Verzweiflung Luft und ruft dem Toten zu: "Du feige Sau!" Passend dazu entgegnet die Staatsanwältin später, als Tobler fragt, was mit einem Beamten des Staatsschutzes passiert, der Schmidt gedeckt hat: "Was soll sein? Nichts. Fürs Staatswohl offenbar das Beste."