Die andere ist die Rolle der Märtyrerin und Verfolgten. Als durchsickerte, dass Obamas Stabschef Rahm Emanuel im August eine Gruppe liberaler Aktivisten "fucking retards" nannte, heulte Palin im Namen aller "special needs"-Kinder auf und verlangte seinen Kopf. Dass seit einem Vanity-Fair-Artikel jeder weiß, dass Palin ihr Kind mit Down-Syndrom selbst "retard" nennt, dass auch ihr Senderkollege Rush Limbaugh das "R-Wort" regelmäßig benutzt, machte die Debatte nur interessanter.
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Kaum begann das Publikum zu ermüden, fand Palin neuen Stoff: Eine Episode der satirischen Cartoon-Serie Family Guy zeigte einen der Protagonisten beim Date mit einer Frau mit Down-Syndrom. Auf die Frage nach ihren Eltern antwortet sie: "Mein Vater ist Buchhalter, und meine Mutter ist die frühere Gouverneurin von Alaska." - "Noch ein Tritt in den Bauch", konterte Palin umgehend auf ihrer Facebook-Seite.
Und dass die Serie bei Fox läuft, der Schwester von Fox News, machte die Sache natürlich noch pikanter. Palin braucht diese fiktiven Angriffe, um ihr Outsider-Image aufrechtzuerhalten. ´
Während McCains verzweifelte Berater vergeblich versuchten, die geltungssüchtige Provinzlerin zur Staatsmännin umzuerziehen, geht sie nun sehr klug den umgekehrten Weg. Ihre rhetorischen Absacker, ihre Ahnungslosigkeit, ihre haltlosen Sprüche: All das wird zum Beweis ihrer Authentizität und Integrität umdeklariert.
Im Kleid einer knallharten Frage lieferte ihr der Fox-News-Mann Bill O'Reilly deshalb eine Steilvorlage, als er feststellte: "Viele halten Sie einfach für nicht sehr klug." Telegen rollte sie die Augen, fassungslos schüttelte sie den Kopf. Übersetzung: Man will mich fertigmachen, nur weil ich die Wahrheit sage. Die nächste gespielt naive Frage lautete denn auch: "Warum haben manche so viel Angst vor Ihnen?"
Doch das eigentliche Thema aller dieser Auftritte ist die Frage, die Palin begleitet wie ihr Schatten: Will sie oder will sie nicht die nächste Präsidentin werden? Jede der Moebiusphrasen aus ihrem Mund wird nach Hinweisen auf ihre Intentionen abgesucht. Jedes Statement wird auf "presidential material" abgeklopft. Jeder neue Schachzug zieht endlose Debatten nach sich: Ist das klug? Was mag es bedeuten?
Ist das nicht ein bisschen viel Aufmerksamkeit für jemanden, der kein Amt hat, keinen Beruf gelernt hat, keine nennenswerte Ausbildung besitzt, und als Politikerin nicht viel mehr vorweisen kann als eine große Zahl unendlich peinlicher YouTube-Videos? Reicht ihre Rede bei der Tea-Party-Convention und die Popularität, die sie seit dem letzten Wahlkampf bei einem kleinen Teil der Wählerschaft genießt, wirklich, um ihr so viel Sendezeit zu schenken? Natürlich nicht.
Dass sie sie dennoch bekommt, liegt daran, dass sie wie kein anderer die Kultur und die Nöte der Nachrichtensender für sich ausnützt. Deren Bedarf an täglich 24 Stunden spannendem Gesprächsstoff hat schon immer zu Verzerrungen geführt. Dann brach der Erfolg von MSNBC das wohlbalancierte Duopol von CNN und Fox auf - und das in einer Zeit, da es politisch gärt wie selten.
In dem erbitterten Rennen, das sich die drei nun täglich liefern, bringt nichts mehr Quotenvorsprung als die dröhnenden "Sonderkommentare" des linken Keith Olberman, die tränenerstickte Apokalyptik des Rechtsaußen Glenn Beck - und ein unerschöpflicher Nachschub von vermeintlichen Aufregern.
Will sie kandidieren?
Keiner bedient diese stets zwischen engagiertem Journalismus, Operette und Armageddon kreisende Newsmaschine geschickter als Palin. Ungebunden durch ein Amt, unbeschwert durch eine eigene politische Geschichte spielt sie mal Wahlkämpferin, mal Jeanne d'Arc; mal Mama von nebenan, dann wieder Revolutionärin. Und weil dieses Verwirrspiel so viel unterhaltsamer ist als Konsistenz und Prinzipientreue, die noch vor kurzem zählten, sehen alle gebannt zu.
Chris Wallace: Könnten Sie sich eine Kandidatur vorstellen?
Palin: Natürlich, sofern es das Richtige ist für das Land und für meine Familie.
Wallace: Sie spielen also mit dem Gedanken?
Palin: Es wäre absurd, das nicht zu tun. Aber ich weiß noch nicht, ob ich den Titel selbst anstrebe oder das Ganze nur als Reporter verfolgen werde.
Wer da wie etliche Kommentatoren von rechts wie links noch monierte, Fox könne doch kaum eine Kandidatin in spe als politische Kommentatorin beschäftigen, der wirkte wie von vorgestern.
Am vergangenen Montag sendete Fox News ein Interview mit Palins 18-jähriger Tochter Bristol. Und wer schneite da plötzlich ins Studio? Sarah! Mit Bristols zwei Monate altem Tripp im Arm: "Ich wollte nur kurz vorbeischauen und hallo sagen." Na, so eine Überraschung! In Zukunft werden solche Höhepunkte häufiger werden: Fox installiert zur Zeit ein Fernsehstudio im Palinschen Haus.
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(SZ vom 20.2.2010/bavo)
nur sind aus dem Zusammenhang gerissene Zitate relativ großer Menschen keine Argumentation.
S.P. muss man nur lange genug reden lassen und man stellt schnell fest, dass sie sich selber widerspricht.
Die amerikanischen Republikaner hätten sicherlich integrere, intelligentere und geeignetere Politiker/innen, die aber vielleicht nicht so telegen sind. Leider zählt Optik, neben der braven Dackelei auf der Parteilinie, hier wie dort mehr, als profundes Wissen gepaart mit politischem Verstand.
Palin ist eine Dämagogin mit erschreckend wenig Sachverstand. Aber in einem Land, wo man mit dem Begriff "liberal", als frei-denkend, schon 30% der Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen kann, hat aber so jemand durchaus eine Chance. Für G.W.B. hat's ja auch funktioniert, mit der Folge, dass für uns alle, Nationen, wie Einzelpersonen, die Welt erheblich unsicherer und zugleich unfreier geworden ist; - aber Hauptsache man bedient seine Kampagnen-Finanzierer, indem man mit dreisten Lügen Nationen in den Krieg zerrt, von Freiheit spricht, aber Öl und Kolonialismus meint. Da sind dann ein paar tausend eigene und ein paar zehn- oder hunderttausend fremde Tote, Feinde wie Freunde, schon zu rechtfertigen!
Palin ist diesem Grundsatz im Kleinen gefolgt und ganz überrascht festgestellt, dass sie damit als Gouverneurin auf die Nase gefallen ist. Jetzt baut sie mal schnell eine neue Dolchstoß-Legende für sich auf.
färbt das positiv auf Sie ab. Doch wenn Sie selbst zu schwadronieren beginnen :" Obama will einen paternalistischen Wohlfahrtsstaat auf Kosten der Steuerzahler"
dann ist der Glanz dahin.
Der europäische Wohlfahrtsstaat nach dem Muster : "Do ut des" ist dem amerikanischen Kapitalfaschismus haushoch überlegen. Denn er versucht, die Welt ein klein wenig gerechter zu machen. Auch ein Grund, warum die von Ihnen bevorzugte Partei da am zerfleddern ist.
"Das Volk ergreift man nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen." - Mahatma Gandhi, (zitiert in: Denkverbot Fundamentalismus in Christentum und Islam, 1992, S. 26)
"Solch ein Gewimmel möcht ich sehn, // Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn." - Johann Wolfgang von Goethe, Faust II, Vers 11579 f. / Faust
"Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?" - Bertolt Brecht, nach dem Gedicht "Die Lösung" aus den Bukower Elegien, 1953
braucht es einen IQ von 110 . Damit ist abgesichert, dass die schweigende, konservative und denkfaule Mehrheit in den USA ihren Thesen zustimmt.
Denn merke: Je leerer der Kopf, umso mehr Raum für Vorurteile.
Die überheblich herablassende Art, in der sie hier versuchen Frau Palin verächtlich zu machen, ist ungehörig und abstossend. Ob es einem passt oder nicht, die frühere Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner ist offensichtlich die gefährlichste Gegnerin des amtierenden Präsidenten. Die moderne Hexenverfolgung der linksliberalen Medien macht sie erst so richtig schön zum Star der schweigenden konservativen Mehrheit, die inzwischen erkannt hat, dass Obama die USA in einen paternalistischen Wohlfahrtsstaat auf Kosten der Steuerzahler verwandeln will. Das Thema Freiheit oder Sozialismus wird den nächsten Präsidentschaftswahlkampf entscheiden
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