Rückgang der Kirchenblätter Nische für Papst-Presse

Kirchenblätter waren eine Macht für Millionen, jetzt ist nur noch in der Nische für sie Platz. 2010, beherrscht von den Missbrauchsskandalen, wurde zum Krisenjahr für die Kirchenpresse.

Von Matthias Drobinski

Es sieht gut aus, was die online-Kollegen von evangelisch.de auf die Beine stellen. Orange und türkis leuchtet die Seite, optimistisch, aber nicht schrill, die Texte handeln von der Einführung des neuen Bischofs von Hannover, den Anti-Atom-Demos, der Sommerzeit.

Und doch sind die Probleme unübersehbar: Der meistkommentierte Chat dreht sich um die multiple Katastrophe in Japan; in acht Tagen sind 22 Beiträge von sechs Teilnehmern entstanden, darunter ein pensionierter Pädagogik-Professor, ein 60-jähriger Lehrer und Buchautor, ein Pastor. Im Community-Bereich steht die Zählung bei 5.304 Besuchern und 1.575 Blogeinträgen. Zehn Monate gibt es evangelisch.de in dieser Form. Die Massenwirkung ist bislang ausgeblieben.

Die katholischen Bischöfe haben sich indes ganz von der Idee eines katholischen Facebooks verabschiedet. Katholisch.de tritt brav auf, mit kirchlichen Nachrichten und Glaubensinformationen, irgendwann soll es einen Relaunch geben. Ein Prozent der Katholiken informiert sich regelmäßig im Netz über ihre Kirche, hat die katholische Mediendienstleistungsgesellschaft im Auftrag der Bischöfe herausgefunden. Jesus wanderte von Ort zu Ort, um seine Botschaft zu verbreiten, Martin Luther nutzte den Buchdruck, die Kirchen von heute stecken tief in der Kommunikationskrise.

Das trifft derzeit besonders die katholische Kirche. Nach dem Krieg hatten die Kirchenzeitungen der deutschen Bistümer eine Auflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren, der Rheinische Merkur, Konrad Adenauers Lieblingsblatt, fand mehr als 200.000 Käufer. Das Jahr 2010 aber, beherrscht von den Missbrauchsskandalen, wurde für die Kirchenpresse zur Katastrophe.

Der Medienwissenschafter Christian Klenk von der katholischen Universität Eichstätt hat für die Süddeutsche Zeitung die Auflagenentwicklung zusammengestellt und kommt auf ein durchschnittliches Minus von sechs Prozent; in Essen ging die Auflage gar um 15 Prozent zurück. Klenk nennt das den "kleinen Kirchenaustritt" der treuen Katholiken, deren Protest zur Abbestellung der Kirchenzeitung führt, die ja der Bischof herausgibt.

Es genügt aber nicht, den Rückgang mit der Krise des Jahres 2010 zu begründen - seit Jahren schrumpfen die Auflagen. 660.800 Kirchenzeitungen werden bundesweit noch gedruckt, 36 Prozent weniger als vor zehn Jahren. In Regensburg und Paderborn hat sich die Auflage halbiert, in Berlin ist sie um 63 Prozent zurückgegangen. Die Paderborner Zeitung Der Dom wird inzwischen von der Katholischen Nachrichtenagentur gestaltet.

Wozu noch Kirche?

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