Pressefreiheit China weist Journalisten der "New York Times" aus

Die "New York Times" hat Chinas Führung mit Enthüllungen über das riesige Vermögen der Familie des Ministerpräsidenten Wen Jiabao verärgert. Jetzt muss einer der Korrespondenten das Land verlassen.

China hat erneut einen ausländischen Journalisten ausgewiesen. Chris Buckley, Pekinger Korrespondent der New York Times, musste am Montag ausreisen, weil sein Visum nicht verlängert worden war. Buchley berichtet seit zwölf Jahren aus China, war zuletzt für die Nachrichtenagentur Reuters tätig, bevor er im September wieder zurück zur New York Times wechselte. Er verließ China mit seiner Frau und Tochter in einem Flugzeug in Richtung Hongkong.

Die Zeitung habe die örtlichen Behörden mehrmals vergeblich um eine Verlängerung von Buckleys Akkreditierung gebeten, sagte Chefredakteurin Jill Abramson. Sie forderte das Pekinger Außenministerium auf, Buckley so schnell wie möglich ein Visum auszustellen und ihm zu erlauben, nach Peking zurückzukehren. Sein Journalistenvisum, das noch auf die Agentur Reuters lautete, war am Jahresende wie üblich ausgelaufen. Buckley sollte jetzt nur eine bestehende Akkreditierung eines anderen, ohnehin in ein anderes Land wechselnden New-York-Times-Kollegen übernehmen, was in der Regel kein Problem ist. "Eine Akkreditierung nicht zu verlängern, läuft praktisch auf eine Ausweisung hinaus", kommentierte ein europäischer Diplomat.

Das chinesische Außenministerium habe jeden Kommentar zu dem Fall abgelehnt, teilte die Zeitung weiter mit. Beobachter vermuten allerdings einen Zusammenhang mit deren Enthüllungen über den großen Reichtum der Familie von Ministerpräsident Wen Jiabao. Am Tag der Veröffentlichung entsprechender Artikel wurden etwa die Webseiten der New York Times in China bis auf den heutigen Tag gesperrt, wie das Blatt erklärte.

Die Probleme für Buckley überraschen aber, weil das Visum für den Autor der heiklen Enthüllungsgeschichten, David Barboza in Shanghai, "reibungslos" verlängert worden war, wie es hieß. Die New York Times hat fünf weitere Journalisten in China, deren Visa ebenfalls normal verlängert worden waren. Das spricht dafür, dass weniger Buckley als die Zeitung selbst das Ziel ist. Auch der designierte Pekinger Bürochef der New York Times, Philip Pan, wartet weiter auf seine Akkreditierung. Erst am Montag deckte die New York Times in einem neuen Bericht auf, wie die Familie des früheren Zentralbankchefs Dai Xianglong satte Profite durch den Kauf von Versicherungsaktien erzielt hat.

Erst im Mai hatte die amerikanische Journalistin Melissa Chan, die für das englische Programm des arabischen Fernsehsenders Al-Dschasira gearbeitet hatte, das Land verlassen müssen. Es war die erste Ausweisung seit 14 Jahren.