Politik im Fernsehen Fest im Sessel

"Die Redaktionen wissen auch, dass ich nicht zu den Anhängern einer Einerseits-andererseits-Rhetorik gehöre. Sie wissen: Ich liebe Subjekt, Prädikat, Objekt": Wolfgang Bosbach.

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Am Sonntag startet Anne Will auf ihrem neuen, alten Sendeplatz. Wetten, dass Wolfgang Bosbach wieder oft dabei sein wird? Ein Gespräch mit Deutschlands häufigstem Talk-Gast.

Interview von Cornelius Pollmer

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach, 63, ist so oft wie kein anderer dabei, wenn im deutschen Fernsehen über Politik gesprochen wird. In seinem Berliner Büro liegt ein Silberner Handschuh, eine Trophäe: Frank Plasberg verlieh diese früher an die Sieger seiner Talkrunden.

Herr Bosbach, herzlichen Glückwunsch zum Triple! 2015 waren Sie der häufigste Gast in den politischen Talkshows, das dritte Jahr in Folge.

Danke für die Blumen.

Dabei nehmen Sie gerade mal die Hälfte der Einladungen an. Welche schlagen Sie aus?

Da gibt es in der Regel drei Gründe. Erstens: Das Thema liegt mir nicht. Ich möchte nur zu solchen Themen sprechen, von denen ich wirklich Ahnung habe und bei denen ich meine Position auch überzeugend begründen kann. Zweitens: Unauflösbare Terminkollisionen. Im Dezember bekam ich zum Beispiel eine Einladung zu Maybrit Illner, aber ich hatte meiner Tochter versprochen, mit ihr die José-Carreras-Gala zu besuchen. Caroline hatte sich seit Wochen darauf gefreut und versprochen ist versprochen.

Drittens?

Häufig kommt es auch vor, dass man für andere Sendungen gesperrt wird. Nach den Terroranschlägen von Paris im November hatte ich innerhalb weniger Tage vier Einladungen. Als Erstes hatte sich aber die Redaktion von Sandra Maischberger gemeldet und mich gebeten, Einladungen anderer Sendungen zum selben Thema nicht anzunehmen. Daran habe ich mich gehalten.

Wenn an einem Freitagabend in Paris die erste Bombe detoniert, wie lange dauert es, bis eine Anfrage bei Ihnen eintrifft?

Spätestens am Samstag ist es soweit.

Was glauben Sie, warum Sie häufiger eingeladen werden als andere?

Da Themen wie Zuwanderung und innere Sicherheit zuletzt aus bekannten Gründen Konjunktur haben, ist klar, dass wir Innenpolitiker besonders gefragt sind. Die Redaktionen wissen auch, dass ich nicht zu den Anhängern einer Einerseits-andererseits-Rhetorik gehöre. Sie wissen: Ich liebe Subjekt, Prädikat, Objekt. Und ich verheimliche auch nicht, welche politische Meinung ich vertrete. Zudem bringe ich, wenn es passt, auch ein gewisses Maß an Humor in eine Sendung mit und nehme mich nicht wichtiger als ich tatsächlich bin.

Im Gegenteil: Vor zwei Jahren bockte Ihr Defibrillator, Sie brachen zusammen, 24 Stunden später saßen Sie bei Günther Jauch auf dem Sessel. Da konnte man denken: Was macht der Bosbach denn da?

Ich war mir von Anfang an sicher, dass der Grund für das Auslösen des Defibrillators keine Herzschwäche war, sondern technisches Versagen. Diese Vermutung hat sich dann auch als richtig herausgestellt. Ich habe den Defibrillator erst einmal ausschalten lassen und natürlich mit dem Arzt gesprochen. Er sagte, vernünftig ist das nicht, aber es ist auch nicht mit einem unvertretbaren Risiko verbunden. Und weil ich Günther Jauch schon vor dem Unfall zugesagt hatte, wollte ich ihm nicht Samstag auf Sonntag absagen, das ist alles.

Sie haben das Ende von Jauch bedauert. Warum?

Vielleicht tue ich jetzt den Moderatorinnen und Moderatoren unrecht, aber ich glaube, ich habe ein gutes Gespür dafür, ob sie die politischen Positionen eines Gastes teilen oder nicht. Bei Günther Jauch wusste ich das nie und das war für mich eine spannende Erfahrung.

Welche Eigenschaften haben Sie bei anderen Moderatoren ausgemacht?

Frank Plasberg reagiert sehr schnell, manchmal auch hart, er geht gerne dazwischen. Ich habe das Gefühl, er wäre gerne Dompteur geworden. Andere, wie Sandra Maischberger nehmen sich da lieber zurück und geben den Gästen mehr Raum. Bei Michel Friedman denke ich immer, am liebsten würde er Gastgeber und Gast zugleich sein. Anne Will hat die Eigenschaft, oft scharf zu fragen, aber in einer Art, dass man es ihr nicht verübeln kann. Das erkennt man daran, dass sie leicht ihre Augenbrauen hochzieht. Wenn sie das macht, dann weiß ich: Achtung!

Wie läuft so eine Sendung eigentlich ab?

Zunächst gibt es ein paar Tage davor ein Vorgespräch. Das ist eine wirklich lustige Angelegenheit. Es dauert etwa 15 bis 30 Minuten, man geht mit einem Redakteur oder einer Redakteurin das Thema durch und alles, was man da bespricht, kommt zu 90 Prozent garantiert nicht in der Sendung zur Sprache.

Bereiten Sie sich darüber hinaus vor?

Auch nach 21 Jahren Bundestag lautet die Antwort: intensiv, und das jedes Mal. Zunächst stellen meine Mitarbeiter Zahlen, Daten und Fakten zusammen, damit ich nicht nur meine Meinung vertreten, sondern sie auch im Detail begründen kann. Danach bereite ich mich selber sicherlich drei, vier Stunden auf eine Sendung vor, damit ich hinterher nicht denken muss: Mensch, das und das hättest du doch sagen müssen! Das ist auch der Grund, warum ich noch nie in meinem Leben eine Sendung gesehen habe, in der ich selbst zu Gast war.

Noch nie?

Wir bekommen da ja immer DVDs, vielleicht werden sich die Enkel einmal dafür interessieren, aber ich werde mir nie auch nur eine davon anschauen.

Warum?

Ich würde doch nur sagen: Was hast du da wieder angehabt, Krawatte passt nicht zum Anzug. Wie hast du da wieder gesessen, das war ja krumm und schief. Ich wäre permanent unzufrieden. Wenn ich mich wohlfühle in einer Sendung, dann sieht man mir das im Übrigen auch an, das merke ich an den Reaktionen meiner Eltern.

Ihre Eltern?

Meine Eltern rufen mich nach jeder Sendung an. Papa ist 93, Mama 87 Jahre alt, die schauen sich heute noch jede Sendung an. Wenn meine Mutter sagt, Junge, du hast müde ausgesehen, dann weiß ich schon, ich habe mich in der Sendung nicht wohlgefühlt. Sie sagt auch manchmal: Junge, du sollst dich doch nicht so aufregen. Papa ist da inhaltlich kritischer - Junge, warum hast du das nicht gesagt, warum jenes durchgehen lassen?

Schauen Sie Sendungen, in denen Sie nicht zu Gast sind?

Wenn es hoch kommt, sehe ich im Jahr vielleicht eine Hand voll Talkshows. Warum? Weil ich abends fast immer unterwegs bin. Samstags ginge das vielleicht, aber da gibt es keine Talkshows, da lassen wir die Leute in Frieden.

Nicht, dass Sie jetzt noch einen Programmplaner auf falsche Ideen bringen!

Sonntagabends spiele ich seit zwanzig Jahren mit denselben Freunden Tennis. Der Einzige, der mich davon abhalten konnte, war Günther Jauch, wenn er mich eingeladen hat. Ich habe daher sonst noch nie eine Sendung von ihm gesehen.

Wenn eine Sendung vorbei ist, geht man als Gast dann sofort seiner Wege?

In der Regel bleibe ich nach Sendungen höchstens 15 Minuten, nur einmal bin ich regelrecht geflüchtet. Da hatten sich Matthias Matussek und Michel Friedman schon in der Sendung in den Haaren. Danach dachte ich: Die Show ist vorbei, Shakehands, Umarmung. Von wegen! Jetzt ging es erst richtig los. Und da ich als Rheinländer grundsätzlich auf Fröhlichkeit gepolt bin, fand ich die Situation völlig schräg.

Was haben Sie gemacht?

Ich bin zum Buffet gegangen, habe mir ein Care-Paket gepackt, und bin nach Hause gefahren. Ich nehme an, die beiden würden heute noch streiten, wenn Sandra Maischberger sie damals nicht getrennt hätte.

Sie bekommen im Jahr an die 12 000 Zuschriften, oft nehmen diese Bezug auf Fernsehauftritte von Ihnen, eine Art sprechende Quote. Was lernen Sie aus diesen Briefen über die Talkshows?

Wenn eine Sendung um Mitternacht aufhört, habe ich um 8.00 Uhr, wenn ich ins Büro komme, oft schon 100 oder 150 Zuschriften. Im Schnitt würde ich sagen: 90 Prozent Zustimmung, 10 Prozent Ablehnung. Viele wären überrascht, wie intensiv und differenziert sich ein großer Teil des Publikums mit den Diskussionen auseinandersetzt. Viele würden sicherlich gerne einmal selber an einer solchen Talkshow teilnehmen.

Das Urteil der Fernsehkritik sieht in der Regel anders aus.

Ja, deren Eindruck ist oft: falsches Thema, falsche Gäste, Moderator keine Ahnung.

Das Wetter ist schlecht, die Bahn kommt zu spät, Jauch war gestern wieder schwach. Woher kommt das routinierte Schimpfen auf Talkshows?

Ich glaube, weil Kritiker sich an eine Kritik setzen mit dem Ziel, etwas negativ zu kommentieren. Das wiederum ist für mich kein Wunder. Wenn ich ehrlich bin: Einen schicken Verriss lese ich ja selber auch lieber. Weil derjenige, der etwas gut findet, der gilt schon als Bruder Leichtfuß, als oberflächlich oder nicht nachdenklich.

Auf die Gefahr hin, jetzt wieder der übellaunige Kritiker zu sein: Ein richtiges Gespräch gibt es fast nie in den Sendungen. Woran liegt das?

Richtig ist, dass man in einer solchen Sendung versucht, eine Botschaft zu formulieren: Das ist zu diesem Thema mein wesentliches Argument aus jenen Gründen. Und ich gebe sofort zu, wenn keine passende Frage dazu gestellt wird, dann versuchen wir, diese Botschaft dennoch unterzubringen. Ja, das ist so. Das kann man aber in einer Sendung nur an ein, zwei Stellen machen, sonst vergrault man das Publikum.

Wenn Sie morgen für die ARD eine politische Talksendung konzipieren müssten, wie sähe die aus?

Eine Stunde, maximal vier Gäste, weniger Diskussionspunkte, die erkennbar strittigen, aber ausdiskutieren. Und ganz wichtig: Viel schärfer trennen zwischen Fakten und Meinungen. Bevor der Austausch von Meinungen beginnt, sollte Klarheit über die Faktenlage geschaffen werden.

Früher wirkten politische Gesprächsrunden wie verbales Boxen, und rauchen durfte man auch. Heute sind sie oft doch sehr blass, oder?

Die Wahrnehmung ist zutreffend. Das liegt zum einen daran, dass wir alle eine Schere im Kopf haben, ich auch. Man kann heute einfach nichts mehr erklären. Jeder Satz muss für sich selber stehen. Ein Satz kann im Kontext seiner Nachbarsätze noch so vernünftig sein und losgelöst davon doch verheerende Folgen haben. Insgesamt sind alle viel zurückhaltender als früher, wo man schon mal einen rausgehauen hat. Das geht heute überhaupt nicht mehr, wegen der Sehnsucht nach Skandalisierung und Dramatisierung.