Neues Programm bei Pro Sieben Sat 1 Komisch

Fiktion ist, wenn Maria Furtwängler und Veronica Ferres wahlweise Kopftuch oder Stahlhelm tragen und in Ost-Anatolien durch den Schlamm getrieben werden: Pro Sieben und Sat 1 präsentierten ihre Herbst/Winter-Kollektionen. Die Trends der Saison: Retro und Harald Schmidt.

Von Christopher Keil

Der Aktienkurs am Tag danach? Nicht gestiegen, leicht gefallen, um 1,14 Prozent auf 19,00 Euro, Stand Donnerstagabend dieser Woche. Wie kann das sein? War nicht Mittwochabend allen klar geworden, was für ein umwerfender Fernsehkonzern Pro Sieben Sat 1 wieder geworden ist? Hatten nicht alle Geschäftsführer der Sender ihre Erfolge gelistet in einer Münchner Kongresshalle vor Branchenpublikum? Waren nicht Umfragen zitiert worden, nach denen beispielsweise Pro Sieben der beliebteste TV Kanal Deutschlands ist? Und wurden einem die Trailer des neuen Programms, der Herbst-Frühjahrs-Mode also, nicht in Rockkonzertlautstärke regelrecht eingehämmert?

Annette Frier und Henning Baum bei Harald Schmidt - allerdings noch nicht in seiner neuen Late-Night-Show, sondern nur zur Generalprobe bei der Vorstellung des neuen Fernsehporgramms.

(Foto: Pro Sieben Sat 1)

Ja, das alles war so. Und noch viel besser. Wer kannte Karl König? Karl König leitet den sehr profitablen Film-Sender der Gruppe: Kabel 1. Auch König musste auf die Bühne, aber er behielt die Nerven. König ist, von der letzten Stuhlreihe aus betrachtet, sympathisch und strukturiert, aber was hat er sich dabei gedacht, Kabel 1 künftig mit dem Spruch "Kabel 1, 1 Baby" bewerben zu lassen. So ein Slogan heißt Claim, der Zuschauer soll durch ihn das komplette Angebot in ganzer Tiefe und Breite erfassen. Was bitte ist "Kabel 1, 1 Baby"? Sehen Sie, Sie merken es sich, sagte einer aus dem Unternehmen Mittwoch noch vor Mitternacht und schaute glücklich. Was das mit Kabel 1 zu tun hat, der TV-Station, die überwiegend auf Spielfilme setzt? Völlig egal, unwichtig, es geht um Marken und Märkte, um Unterhaltung und Konsum.

Summertime nennt Pro Sieben Sat 1 die jährliche Produktpräsentation. So ein kommerzieller Medienbetrieb darf sich mit allem Recht als Rummelplatz verkaufen, in jeder Ecke Sensationen - ob nun Champions League (nur noch eine Saison), Boxen (nicht die Klitschkos), Stefan Raab, Gameshow, Quiz, Danni Lowinski (Serie), Die Tore der Welt (Ken Follet), Pompeji (Robert Harris) oder "Public Value".

Public Value sagte Thomas Ebeling, der Vorstandsvorsitzende von Pro Sieben Sat 1. Wenn man ihn richtig verstanden hatte, bezog er sich auf eine bestimmte Art von Dokumentation, vielleicht zählt sogar das tägliche Wissensmagazin Galileo (Pro Sieben) dazu. Ebeling adressierte Public Value nebenbei an alle, die ihn im vergangenen Jahr kritisiert hatten für den Verkauf des Nachrichtenkanals N 24. Ihm war vorgeworfen worden, keinen Wert mehr auf Information zu legen. Im Grunde stimmt das vermutlich.

Information ist in der Sendergruppe heute ein eher komischer Begriff, wobei komisch auf vieles passt, das Pro Sieben Sat 1 jetzt so veranstaltet. Aus den Niederlanden wurde die Moderatorin Linda de Mol eingekauft, praktischerweise für eine Castingshow, die ihr Bruder John de Mol (Endemol) herstellt und The Winner is . . . heißt. Worum es geht? "Gameshow meets Talent", sagte Frau de Mol - oder so ähnlich. Kennt man das nicht? Neu im Sortiment soll auch The Voice sein, überraschenderweise eine Castingshow. Von anderen Musik-Castingshows unterscheidet sie sich dadurch, dass die Juroren die Kandidaten zwar singen hören, sie aber nicht singen sehen. Das Wesentliche, die Stimme, soll im Mittelpunkt stehen - womit The Voice der Gegenentwurf zu Deutschland sucht den Superstar (DSDS/RTL) wäre. Vielleicht genau deshalb werden sich Pro Sieben und Sat 1 The-Voice-Ausstrahlungen teilen.

Sat-1-Geschäftsführer Andreas Bartl ließ sich offenbar von der etablierten Kooperation leiten, die Pro Sieben mit der ARD beim Eurovision Song Contest eingegangen ist. Ansonsten setzt Bartl, der erzählte, dass Sat 1 gegenwärtig an fünf von sieben Tagen über dem Senderdurchschnitt liege (warum ist Sat 1 dann immer noch bei unter elf Prozent im Jahresdurchschnitt 2011?), Bartl also setzt auf Retro: auf das Sat 1 um 1996. Dazu zählt dann vom 13. September an auch wieder Harald Schmidt.

Schmidt kam als Letzter auf die Bühne und absolvierte eine tatsächlich umwerfende Generalprobe seiner Late Night Show: voller Energie, dabei kontrolliert, gnadenlos im Umgang mit Oliver Pocher, sehr spitz im Umgang mit Thomas Gottschalk und dessen beabsichtigter ARD-Karriere und sehr lustig im Umgang mit seinem künftigen Lieblingsthema - Sat 1. Als Schmidt den Spielfilmtrailer ankündigen musste, sagte er: "Fiktion ist, ich erklär's mal landläufig, wenn Maria Furtwängler und Veronica Ferres wahlweise Kopftuch oder Stahlhelm um haben und in Ost-Anatolien durch den Schlamm getrieben werden."

In der besten fiktionalen Eigenproduktion 2010 furchte allerdings Alexandra Neldel durch den Schlamm des Mittelalters. Das Drama um eine gedemütigte Frau hieß Die Wanderhure. Fast zehn Millionen Menschen schauten bei Sat 1 zu. Nun wird es eine Fortsetzung geben. Der Titel: Die Rache der Wanderhure. Das ist kein Witz, nicht mal einer von Harald Schmidt.