Neue "Tageswebshow" der ARD Belangloses aus der "digitalen Garage"

Statt eines Shitstorms nur Flatulenzen: Mit ihrer neuen "Tageswebschau" will die ARD nun doch zur Netzgemeinde gehören. Doch sie liefert einen Service, der nicht gebraucht wird. Was sie berichtet, ist für einen internet-affinen Nutzer, den das Thema halbwegs interessiert, schon kalter Kaffee.

Von Michael Moorstedt

Das Verhältnis von öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen zum Internet ist traditionell von Missverständnissen geprägt. Wann immer Tom Buhrow oder Caren Miosga das Internet betreffende Vorkommnisse anmoderieren, klingt es, als hafte dieser digitalen Sphäre, die nicht nur jungen Menschen längst einen großen Teil der Lebensrealität füllt, noch immer etwas Unseriöses, etwas Infantiles an.

Seit fast 60 Jahren gibt es die ´Tagesschau". Mittlerweile hat sie etliche Ableger - den Digitalsender tagesschau24 oder das Web-Angebot "tagesschau.de" samt umstrittener Apps. Nun kam mit der "Tageswebschau" ein weiterer hinzu. Er schadet nicht, aber er bringt auch nicht viel.

(Foto: Radio Bremen)

So richtig durchdringen will man es gar nicht, "dieses Internet". Obwohl ja die im Nachrichtenstudio demonstrativ auf dem Moderationstisch platzierten Laptops Online-Affinität simulieren.

Seit Anfang Juni versteht sich die ARD nun doch als Teil der Netzgemeinde. Die öffentlich-rechtliche Anstalt hat die Tageswebschau in die Welt gesetzt, die soll "das Weltgeschehen aus der Perspektive der Netzgemeinde" wiedergeben, heißt es dazu. Das Projekt ist zunächst auf sechs Monate befristet, danach werde Bilanz gezogen.

Wie immer, wenn sich das Gebührenfernsehen Neues zulegt, muss man als Zuschauer beziehungsweise User ziemlich hartnäckig suchen, muss sämtliche digitalen Kanäle durchzappen oder einen gut versteckten Link auf der Homepage, in diesem Fall von tagesschau.de, anklicken, um die Tageswebschau überhaupt zu finden. Vielleicht gibt es Ängste, auch davor, dass die hyperkritische Zielgruppe, die angesprochen werden soll, gegen die Digitalrevolution von ARD und ZDF wettert. Bloß kein Shitstorm.

Was passierte also eine Woche lang im Netz, was war wichtig aus Sicht der ARD? Und können wirklich alle relevanten Geschehnisse auf einer Länge von knapp drei Minuten abgebildet werden?

Am Tag des Starts Ende vergangener Woche machen Morgen- und Mittagsmagazin noch ein bisschen Promotion für die jungen Kollegen aus der "digitalen Garage", so heißt die verantwortliche Redaktion von Radio Bremen.

Werden Fernsehen und Internet jetzt endlich versöhnt? Die Themen des ersten Tages: Datenschutz und soziale Netzwerke, ein bisschen Videospiele, ein bisschen Youtube. Tag zwei: Studenten-Proteste in Kanada, Gema und soziale Netzwerke, Youtube-Videos. Tag drei: Neues von Youtube, die Einführung des IP-Standards, die Betreuungsgeld-Debatte im Netz. Tag vier: Schufa und soziale Netzwerke, Youtube-Videos und Online-Karten für Londoner Rollstuhlfahrer.

Man wolle sich nicht "auf Teufelkommraus" an die junge Zielgruppe "ranwanzen", erklärte Kai Gniffke, Chefredakteur bei ARD-Aktuell noch kurz vor dem Start. Und so ist nicht nur die Themenauswahl, sondern auch die visuelle Ästhetik der Webschau Ausdruck von Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit, die das Internetangebot der ARD offenbar prägen sollen. Die Moderation kommt aus dem Off, sie klingt betont sachlich, ruht in einem Bett aus Ambient-Musik und wird von hippen Infografiken und Google-Earth-Zooms unterstützt.

Heraus komme, so urteilt die Blogplattform carta.info, "eine Art Schülerzeitung, die wohl von jeder gymnasialen AG Medien pfiffiger gemacht worden wäre". Auf netzpolitik.org heißt es: Was genau das Format kommunizieren solle, sei nicht nachzuvollziehen.

Andere bemängeln die fehlende inhaltliche Tiefe und die Kürze der Sendung. Der Verband privater Rundfunk- und Telemedien (VPRT) sieht seine eigenen Informationsangebote durch die kostenlose Tageswebschau bedroht und fordert einen Drei-Stufen-Test, um zu überprüfen, ob sie mit dem Rundfunkstaatsvertrag zu vereinbaren sei. Doch das ist dann wirklich wie mit Kanonen auf Spatzen zielen. Die Tageswebschau ist ein harmloses Produkt. Es bleibt einem nach einer Woche nichts Wichtiges hängen.

Im Internet zählen klassische Relevanzkriterien wie Neuigkeit oder örtliche Nähe nicht mehr. Es geht nur noch um persönliches Interesse. Im Durcheinander der Datenstreams wird jeder zu seinem eigenen Redakteur.

Der Geburtsfehler der Tageswebschau ist, dass sie einen Service liefern möchte, der nicht gebraucht wird. Die Kuration und Aggregation von Themen kann keine organisierte Nachrichtenredaktion so schnell leisten und dabei auch noch anschaulich aufbereiten, dass sich ein Nutzer, der halbwegs mit dem Internet vertraut ist, nicht schon selbst über alles, was ihm beliebt, informiert hat.

Er organisiert sich mit Twitteraccount und RSS-Feeds. Fazit: Niemand in der Zielgruppe mag richtig meckern, richtig gefallen mag es aber auch niemandem.

Am besten drückt sich das allgemeine Desinteresse in der Anzahl der Facebook-Likes aus. Nur 58 Sympathiedaumen hat die Tageswebschau nach vier Tagen Sendebetrieb sammeln können. Statt eines Shitstorms nur Flatulenzen: Das ist auch nicht schön, schadet aber niemandem.