München-Tatort "Der tiefe Schlaf" Am Ende ist jeder schuldig

München-Tatort "Der tiefe Schlaf": Frau Pollinger (Bettina Redlich), die Mutter des Opfers, kommt an den Tatort. Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) steht ihr bei.

(Foto: ARD, Bayerischer Rundfunk)

Zum Jahresende ein grandioser "Tatort" aus München: Im Kern geht es darum, dass sich Menschen gegenseitig schrecklich allein lassen können. Und die Konsequenz ist dann ein bestialischer Mord, für den alle irgendwie verantwortlich sind.

Von Holger Gertz

Dieser Tatort landet in der Rangliste des Jahres 2012 sehr weit vorne, vielleicht sogar auf Platz eins. Eine Geschichte mit zwei Ebenen, an der Oberfläche lauert der Fall: Eine junge Frau, Carla, steigt ins Auto eines Fremden, und was der Fremde von ihr übrig lässt, liegt später auf dem Obduktionstisch. Jochbein, Backenknochen gebrochen, Rippen gebrochen. Carla ist gefoltert worden, bevor der Fremde sie getötet hat. Ein Auge fehlt.

Der Zuschauer sieht Carlas zerstörten Körper nicht, er nimmt den Anblick wahr durch die Reaktion derer, die ihn sehen. Der Vater weint. Die Kommissare Batic und Leitmayr starren, ihr neuer Assistent muss kotzen. Gisbert heißt er, ein Profiler mit norddeutschem Gesicht - oder eher die Parodie eines Profilers. "Ich hab' einen sehr, sehr guten Instinkt. Und ich hab' am Ende immer recht", sagt Gisbert später, und nur das Schaben seiner Stimme verrät, dass da gar kein Selbstbewusstsein aus ihm spricht.

Gisbert (großartig: Fabian Hinrichs) ist ein zweifelnder Poser. Setzt die Sonnenbrille auf, nimmt sie ab. Lädt die Kollegen nicht auf ein Bier ein, sondern auf eine Hopfenkaltschale. Wer so redet, will dazugehören - aber blitzt ab bei den coolen Buddys Batic und Leitmayr.

Die Geschichte von Regisseur Alexander Adolph erzählt auf der tieferen Ebene davon, was passiert, wenn man einander nicht zuhört, nicht hilft, nicht versteht. "Der tiefe Schlaf" ist der angemessen ausdeutbare Titel dieser Episode. Die Eltern holen ihre Tochter nicht ab. Der Lehrer lässt seine Schülerin nachts auf der Straße stehen. Die Klassenkameraden verstecken einen Schuh ihrer Mitschülerin, deshalb verpasst sie den Bus. Und zwei Kommissare behandeln ihren Assistenten von oben herab, wie Münchner das gelegentlich mit Zuagroastn tun. Sie lassen ihn allein. Am Ende sind alle allein, und jeder ist schuldig.

Das wird mit großer Leichtigkeit erzählt, Batic und Leitmayr streiten dauernd am Pissoir, das ist lustig und wenig später sehr traurig, wenn Gisbert im Supermarkt am Regal mit den Fertiggerichten steht und nicht weiß, was das Richtige für ihn ist. Der Zuschauer folgt einem Räuspern und diskret eingesetzter Klaviermusik. Parallel zu den Tönen gehen die Lampen an, und dann gehen die Lampen aus. Alles stimmt und wühlt und klingt in diesem grandiosen Tatort.

ARD, Sonntag, 20.15