Medien in der Türkei Vor Erdoğan eingeknickt

Im August 2014 wurde Erdoğan zum "Präsidenten der Nation" gewählt (so die Schlagzeile auf der Zeitung). Die Verleger schmeicheln dem Staatschef.

(Foto: Emilio Morenatti/AP)
  • Massenhafte, politisch motivierte Entlassungen: 2014 war für türkische Medien ein "Horrorjahr", belegt eine Studie des türkischen Journalisten Yavuz Baydar.
  • Zwei Jahre nach den Gezi-Protesten ist der Hofknicks vor Präsident Erdoğan für türkische Medien Alltag.
  • Grund zur Hoffnung gibt es auch: Inzwischen sitzen weniger Journalisten in Haft als noch 2010. Aber wo Selbstzensur regiert, ist Haft als Disziplinierungsmittel nicht mehr nötig, kommentiert Baydar.
  • Von einer "Glasnost alla turca", wie zu Beginn der Erdoğan-Herrschaft, ist heute nichts mehr zu spüren.
Von Christiane Schlötzer

Wann gelingt türkischen Zeitungen schon mal eine Exklusivgeschichte, die um die Welt geht? Milliyet, ein Blatt mit liberaler Tradition, hatte 2013 einen solchen Scoop. Einem Reporter war ein hochbrisantes Gesprächsprotokoll zugespielt worden: von einem Treffen auf der Gefängnisinsel Imralı, zwischen Abdullah Öcalan, dem Chef der verbotenen Kurden-Guerilla PKK und Politikern.

Recep Tayyip Erdoğan, nun Staatspräsident und damals noch Premier, hatte die spektakuläre Begegnung mit dem seit 1999 isolierten Öcalan selbst gestattet, wollte aber keine Details in den Medien lesen. Nach der Veröffentlichung stauchte Erdoğan persönlich den Milliyet-Verleger am Telefon so zusammen, dass dieser, wie er später zugab, "das erste Mal im Leben weinte".

Der Chefredakteur der Zeitung musste wenig später gehen, und ihr prominentester Kolumnist, der in einem Kommentar die Pressefreiheit hochhielt und auf historische US-Vorbilder ("Watergate-Skandal, Pentagon Papers") verwies. Milliyet knickte ein vor der Macht. Heute, zwei Jahre später, ist der Hofknicks vor Erdoğan für türkische Medien Alltag.

Horrorjahr 2014 für türkische Medien

Yavuz Baydar, einer der bekanntesten Journalisten des Landes, liefert dafür viele Belege in seiner aktuellen Studie: "Der türkische Newsroom als Open-Air-Gefängnis" (http://shorensteincenter.org/corruption-and-self-censorship-in-turkish-journalism). 2014 nennt Baydar ein "Horrorjahr" für türkische Medien. Da setzte sich fort, was schon nach den Gezi-Park-Protesten 2013 begonnen hatte: massenhafte, politisch motivierte Entlassungen. Baydar spricht von fast 1000 gefeuerten Medienleuten. Der 58-Jährige gehört selbst dazu. Die Regierung der konservativ-islamischen AK-Partei verhängte zudem immer wieder Nachrichtensperren, wenn sie meinte, ein Ereignis berühre die nationale Sicherheit. Die Folge, so Baydar: Selbstzensur und Korruption. Unter seinen Kollegen vermisst Baydar Solidarität für die Geschassten. "Astronomische Gehälter" in den Chefetagen sieht er als eine Art Bestechungsgeld.

"Die Ersten, die es verschweigen"

Die türkischen Demonstranten sind wütend auf Premier Erdogan - und auf die Medien, die nicht über ihre Proteste berichten. Die Presse in der Türkei steckt allerdings nicht erst seit #occupygezi in einer schwierigen Situation. Von Hakan Tanriverdi mehr ...

Wie das geht? Erdoğan lädt Verleger und Medienchefs gern zu vertraulichen Runden. Aus einer solchen Begegnung berichtete ein schockierter Teilnehmer Baydar, einige Teilnehmer hätten gar versucht, Erdoğan mit Zensurvorschlägen zu übertreffen. Den Grund für solche Liebedienerei sieht auch die EU in ihrem jüngsten Türkei-Bericht in der Struktur der Medienkonzerne. Wenige Konglomerate kontrollieren den Sektor. Deren Besitzer haben viele Geschäftsinteressen, im Bausektor, in Bergwerken, im Tourismus. Sie sind abhängig von Staatsaufträgen.

85 Prozent der Türken nutzen vor allem das Fernsehen als Nachrichtenquelle, zitiert die Studie die Istanbuler Medienwissenschaftlerin Ceren Sözeri. Auf die 18 privaten TV-Stationen und den staatlichen Sender TRT ist der Druck der Regierung daher besonders hoch. Aber die Zeitungen sind ihr keineswegs egal. Selbst wenn ein Blatt den Besitzer wechselt, zieht Erdoğan die Fäden, wie Baydar am Beispiel von Sabah schildert. Das einst liberale Massenblatt geriet in die Hände eines regierungsnahen Konzerns, der auch am neuen Istanbuler Riesenflughafen mitbaut.