Internetstars Besuch im Youtube-Bootcamp

Youtuber zu werden, ist unter Jugendlichen heute ein legitimer Berufswunsch, dem sie in Berlin jetzt näherkommen können.

(Foto: Markus Mielek/Stefan Hoederath/YouTube)

Mit einem eigenen Ausbildungsprogramm will Youtube neue Stars aufbauen. Der erste Lehrgang in Deutschland zeigt, wie hart hippe Arbeit sein kann.

Reportage von Michael Moorstedt, Berlin

Seinen Berliner Sitz hat Youtube in einem für die Kreativbranche angemessen heruntergekommenen Gewerbegebiet. In der Nachbarschaft werden Gebrauchtwagen verkauft, Butterkekse und Rasierklingen produziert. Und nun eben auch die Zukunft der Unterhaltung. Man hat sich auf dem Gelände der Berliner Union-Film einquartiert, ganz früher wurde hier Der blaue Engel produziert. Die alte Medienwelt trifft auf die neue.

Für eine Woche im Juni hat die Videoplattform 16 Nutzer zum ersten Next-Up-Programm in Deutschland eingeladen. Hunderte User hatten sich beworben, um Teil einer neuen Generation von Youtube-Stars zu werden. Als die Teilnehmer eintreffen, halten sie ihre Smartphones auf Armlänge vor sich her, die Selfiekamera läuft. Ein Video darüber, wie man bessere Videos dreht - das bisschen Selbstreferenzialität ist heutzutage halb so schlimm.

Irgendwo zwischen Crashkurs und Eliteförderung

Bootcamp nennt Youtube den Lehrgang intern, in Anlehnung an den Drill, der in militärischen Ausbildungslagern herrscht. An fünf Tagen gibt es von neun bis 19 Uhr Lektionen in Audience Development, Selbstpromotion, Kameraführung und Beleuchtung. Das Niveau liegt irgendwo zwischen Crashkurs und Eliteförderung.

So viel verdienen Youtube-Stars

Sie sind der Traum der Werbewelt: Menschen wie Nilam Farooq sind Stars, so alt wie ihr Publikum und glaubwürdig. Durch ihre Youtube-Videos verdienen sie sehr viel Geld - womöglich auch deshalb, weil Werbung darin oft nicht klar erkennbar ist. Von Martin Schneider und Hakan Tanriverdi mehr ...

Im "Space", so die offizielle Bezeichnung der Berliner Youtube-Niederlassung, sind einige Kulissen aufgebaut. Blickt man in eines der Zimmer, ist dort ein U-Bahn-Querschnitt zu sehen, im nächsten die Plastikversion eines typischen, gemütlich-verranzten Berliner Hinterhofs. Es gibt einige High-End-Schnittplätze, 360-Grad-Kameras und Virtual-Reality-Ausrüstung. Im Untergeschoss ist ein Fernsehstudio eingerichtet. Auch abseits des Next-Up-Programms können Youtuber den Space nutzen. Aus dem Wohnzimmer senden war gestern.

Alles werde eben professioneller, sagt Mounira Latrache, die Leiterin der Berliner Dependance. Das Ökosystem namens Youtube werde erwachsen. Inzwischen haben viele der Filmemacher einen Manager oder schließen sich sogenannten Multi-Channel-Networks an, die ihre Vermarktung übernehmen und dafür einen Teil der Werbeeinnahmen einbehalten.

Wer mitmachen will, braucht mehr als 10 000 Abonnenten

Am Vormittag steht das Drehen vor dem Green Screen auf dem Lehrplan. Die Dozenten sind Industrieveteranen, die noch bei Sendern arbeiteten, die längst von Youtube verdrängt worden sind. MTV und Viva sind so gut wie tot, das Handwerk lebt fort. Dass Filme produzieren nicht nur hippe, sondern auch harte Arbeit ist, dass man nicht einfach nur losdrehen kann, sondern auch schon mal eine halbe Stunde das richtige Licht setzen muss, ist für manchen Next-Up-Teilnehmer sichtlich eine neue Erfahrung. Dabei sind die 16 "Creators", wie sie von Youtube genannt werden, alles andere als Anfänger. Um bei der Fördermaßnahme mitmachen zu dürfen, müssen gewisse Kriterien erfüllt sein. Der eigene Kanal muss bereits Teil des Youtube-Partner-Programms sein und mehr als 10 000 Abonnenten haben.

Das Teilnehmerfeld ist dennoch recht divers. Da sendet ein junger Mann Indie-Poesie mit einer Menge Weltschmerz hinaus ins Web, während er sich bei Waldspaziergängen filmt, zwei andere setzen eher auf Kiffer- und Pimmelwitze und haben es damit immerhin schon ins junge Programm des ZDF geschafft. Klickt man sich durch die Kanäle der anderen Teilnehmer, findet man eine gut ausgewogene Mischung aus Comedy-, Musik-, und Lebenshilfevideos.