Idil Üner im Porträt Türkisch für Fortgeschrittene

Weg vom knöchellangen "Vaterrock": Idil Üner (l.) mit Adnan Maral in "Einmal Hans mit scharfer Soße".

(Foto: dpa)

Idil Üner ist eine charismatische Schauspielerin. Trotzdem bleibt die 42-Jährige aus Berlin in deutschen Filmen auf die Rolle der Frau mit Eltern vom Bosporus festgelegt. Warum? Weil sie doch immer wieder die Auseinandersetzung mit den Klischees sucht.

Von Harald Hordych

Eine Frau sitzt seit vielen Jahren am Schreibtisch eines Finanzamtes. Eines Tages steht sie auf und geht einfach nach Tibet. Ist das ein spannender Filmstoff? Zumindest ist es der rasante Traum vieler recht normaler Menschen in Deutschland, die nicht den Mut aufbringen, ihre Radiergummis und Papierlocher stehen und liegen zu lassen. Aber ist das spektakulär? Eigentlich ist das ein Stoff aus dem Katalog der Konventionen.

Idil Üner würde diese Rolle trotzdem sehr gern übernehmen. Einmal Finanzamt-Tibet und nie wieder zurück - das ist der Konfektionstraum von Deutschen, die aussehen wie typische Deutsche, ein bisschen blond, ein bisschen blauäugig.

Idil Üner aber hat langes, kräftiges schwarzes Haar, braune Augen und dunkle Augenbrauen. Idil Üner ist in Berlin geboren und aufgewachsen, sie hat hier das Abitur gemacht, sie hat im bürgerlichen Steglitz lauter deutsche Freundinnen gehabt, und sie spricht ein glasklares Hochdeutsch mit dem scharfen Unterton der Berliner, in dem etwas wunderbar Nassforsches liegt. Idil Üner ist türkeistämmig mit deutschem Pass, sie hat zwei Identitäten. Aber ihre Herkunft ist so leicht zu identifizieren, dass sie immer wieder die Türkeistämmige spielt.

Dies ist einerseits die Geschichte einer vielseitigen und charismatischen Schauspielerin.

Andererseits ist es auch eine Geschichte darüber, wie weit die Integration von ausländischen Mitbürgern wirklich gediehen ist, wenn eine Frau, die aussieht wie eine Türkin, aber eine moderne deutsche Frau ist, praktisch nichts anderes spielt als türkeistämmige Frauen - und nicht irgendeine Rolle, die eben diesmal eine türkeistämmige Deutsche bekleidet.

"Meine Eltern sind Intellektuelle, die mich liberal und offen erzogen haben."

Gerade jetzt spielt Idil Üner zum Beispiel die Hauptrolle in dem Kinofilm "Einmal Hans mit scharfer Soße", eine Multikulti-Komödie hätte man das früher genannt, aber das sagt man so nicht mehr, weil Multikulti ein Missverständnis war. Das ist auch genau das Problem von Hans. Der deutsche Freund von Hatice findet die türkische Kultur klasse. Er möchte am liebsten selbst ein Türke sein. Aber die 34-jährige Hatice will keinen Türken als Ehemann, auch keinen halben, den Traditionsballast will sie ja gerade loswerden. Ihr Vater, der geliebte Baba, wollte früher nur einen türkischen Muslim als Ehemann akzeptieren. Dann wurde Hatice älter, da hat Baba sich erst mit der Idee, Hauptsache ein Türke, angefreundet und dann sogar den schlimmsten Fall akzeptiert: meinetwegen auch ein Deutscher!

Aber Hatice will keinen Pseudotürken. Und sie muss langsam mal kapieren, dass sie ihre westliche Identität nicht bis zu ihrem 60. Geburtstag jedes Mal kurz vor dem Haus ihrer Eltern wie ihren Minirock ablegen kann, um ihn mit einem knöchellangen "Vaterrock" zu vertauschen.

Eigentlich könnte man meinen, dass dieser Film exakt die Geschichte von Idil Üner, 42, erzählt. Aber da geht sie zum ersten Mal von null auf hundert in die Luft. "Niemals! Was für ein Unsinn!", ruft sie und schert sich nicht um das gediegene Ambiente im Café Brel am Berliner Savigny-Platz. Denn Idil Üner ist mit einem starken Temperament gesegnet, sie empört sich schnell, ein paar Sekunden später schüttet sie sich vor Lachen aus. Sie ist lebhaft und spontan, mit einer kurzen Zündschnur ausgestattet, sensible Punkte sind bei ihr sofort als sensible Punkte erkennbar.