Hürriyet-Reporter zum NSU-Prozessauftakt "Es war unerträglich"

Hürriyet-Journalist Celal Özcan ist in der Türkei aufgewachsen und hat in Deutschland Politikwissenschaft und Zeitungswissenschaft studiert.

(Foto: oh)

Das Verhalten der Hauptangeklagten Beate Zschäpe beim NSU-Prozessuaftakt in München hat in türkischen Medien zu teils wütenden Kommentaren geführt. Celal Özcan, Nachrichtenkoordinator der türkischen Zeitung "Hürriyet", hat den Auftritt der Angeklagten im Gerichtssaal verfolgt - und macht im Interview der deutschen Justiz erneut Vorwürfe.

Von Vanessa Steinmetz

Beate Zschäpe steht bei ihren Verteidigern, scherzt, lässt sich ein Bonbon reichen - eine "Frechheit", schreibt die Zeitung Yeni Şafak. In türkischen Medien hat der Auftritt der Hauptangeklagten im NSU-Verfahren beim Auftakt vor dem Oberlandesgericht in München zu teils entrüsteten Kommentaren geführt. Die "Nazi-Braut" Zschäpe habe sich in "Hitler-Pose" gezeigt, kommentierte die Zeitung Habertürk mit Blick auf die verschränkten Arme der 38-Jährigen. Sie muss sich seit Montag unter anderem wegen Mittäterschaft an zehn Morden des NSU verantworten, die meisten der Opfer waren türkischer Herkunft.

Journalist Celal Özcan hat den Prozessauftakt für die Hürriyet verfolgt. Der Verhandlungssaal sei zur Bühne für eine "Show" Zschäpes geworden, titelt die Zeitung am Dienstag. Dass Özcan einen zugesicherten Platz im Saal hatte, ist einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu verdanken. Demzufolge musste das Münchner Gericht mindestens drei der 50 Presseplätze im Sitzungssaal für ausländische Medienvertreter reservieren. Doch die zeigen sich nicht nur angesichts des Auftritts der insgesamt fünf Angeklagten enttäuscht - auch das Gericht habe erneut eklatante Fehler gemacht, sagt Özcan. Das sei vor allem für die Angehörigen der Opfer schmerzlich.

SZ.de: Herr Özcan, wie haben Sie den Auftakt des NSU-Prozesses erlebt?

Celal Özcan: Ich habe mich gefühlt, als würde ich in einer Show sitzen, bei der es um Mode ging und sich die Hauptangeklagte wie ein Model auf dem Laufsteg präsentieren konnte. Das war unerträglich für die Opferfamilien und das war auch unerträglich für mich selbst, weil ich von der deutschen Justiz etwas anderes erwartet habe. Sie hätte den Angeklagten nicht so einen Auftritt ermöglichen dürfen.

Wie hätte die Justiz das verhindern sollen?

Das Gericht hätte Beate Zschäpe mit Hand- und Fußfesseln in den Saal bringen lassen sollen. Dass sie so frei und unbefangen zum Prozess erscheint, das ist den Opferfamilien gegenüber eine Unverschämtheit. Und es war eine indirekte Nachricht an andere Neonazis: Wir sind die Helden dieses Landes. Der rechtsextreme Massenmörder Anders Behring Breivik hat sich bei seinem Prozess in Norwegen genauso inszeniert.

Abgesehen davon: Wie ist die Verhandlung Ihrer Meinung nach vonseiten des Gerichts abgelaufen?

Es war alles sehr gut organisiert. Die Schlange vor dem Gerichtsgebäude war nicht so lang wie befürchtet und auch zu Unruhen ist es nicht gekommen. Aber in der Verhandlung hat sich gezeigt, dass der Senat nicht gut vorbereitet war. Wir Journalisten wussten schon vor dem Prozessauftakt am Montag, dass die Anwälte von Beate Zschäpe und ihres Mitangeklagten, dem ehemaligen NPD-Funktionär Ralf Wohlleben, Befangenheitsanträge stellen würden. Und auch das Gericht wusste das vorher. Dass die Verhandlung jetzt für die Beratung über die Anträge wieder um mehr als eine Woche verschoben wird, ist wirklich enttäuschend.

Was bedeutet die Verschiebung für die ausländischen Journalisten?

Die Reporter aus anderen Ländern werden wieder abreisen und auch nicht zum nächsten Verhandlungstag am 14. Mai wiederkommen. Wir haben Kollegen hier in München, die für die Hürriyet schreiben, das haben andere Medien aber nicht. In meinen Augen war das die Taktik der Verteidigung. So wird die Wahrnehmung des Prozesses in der Weltöffentlichkeit abnehmen.