Harald Martenstein Vom Götterliebling zum "alten weißen Mann"

Harald Martenstein schreibt seine Kolumnen in der entschiedenen Ich-Form.

(Foto: Benne Ochs)

Harald Martenstein ist ein Star-Kolumnist. Aber irgendwann entdeckte er die Politik. Inzwischen wollen ihn viele sehr gerne loswerden. Warum eigentlich?

Von Hilmar Klute

Dieser Italiener im Berliner Stadtteil Westend, den Harald Martenstein für ein erstes Treffen vorschlägt, sei "soziologisch interessant", mailt er - ein hübsches Prädikat, man kann es probeweise auch auf Martenstein selbst münzen. Es gibt keinen Kolumnisten in Deutschland, der inzwischen so viele Menschen, einschließlich Kollegen, zornesrot werden lässt wie er.

Jede Woche erscheint ein Text von Martenstein im Magazin der Zeit . Und beinahe jede Woche antworten ihm Leser, dass sie es nicht mehr gutheißen können, wenn Martenstein erklärt, dass in der "Me Too"-Debatte mehr verdächtigt als bewiesen werde; wenn er über die Nachzugsregelung schreibt und zu bedenken gibt, dass sich die Vielehe womöglich mühsam mit der monogamen Heiratskultur in Deutschland decken könnte. Oder wenn in einer Kolumne steht, das Verhalten der SPD-Führung nach den Koalitionsverhandlungen sei ein Ausdruck von Autismus. Eine Leserin hat das mit dem Autismus gleich dem Deutschen Presserat weitergegeben: behindertenfeindlich sei das! Sie schreibt auf Twitter, es sei schon ihre zweite Martenstein-Anzeige und es gehe ihr mittlerweile wie automatisch von der Hand. Wer Wut auf Martenstein hat, bekommt offenbar Lust aufs serielle Anschwärzen.

Feminismus von rechts außen?

Rechte Gruppen wollen in der "Me Too"-Debatte den Kampf für Frauenrechte kapern. Das kann niemals Feminismus sein, knüpft aber an Vorurteile aus der Mitte der Gesellschaft an. Von Julian Dörr mehr ...

Eine Nachrichtensprecherin fordert die Zeit und den Sender NDR auf, darüber nachzudenken, Martenstein nicht mehr soviel Platz und Sendezeit einzuräumen. Eine andere Leserin schreibt, Martenstein benutze NS-Rhetorik, nennt seine Texte selbst aber "Dreck". Soziologisch ist es wirklich interessant: Harald Martenstein ist vom journalistischen Götterliebling zu einer Figur geworden, für deren Verteidigung es einfach keine Argumente gibt: zum weißen alten Mann. Es sind drei Defizite, die den weißen alten Mann für die Teilnahme am allgemeinen Diskurs ungeeignet machen: er ist weiß , alt, männlich. Er sollte also am besten sehr, sehr still sein.

Der Italiener heißt "Piccolo Mondo" und er ist insofern soziologisch interessant, als die Kellner für Berliner Verhältnisse ungewöhnlich höflich auftreten. Sie erkundigen sich sogar nach der fürs Essen anberaumten Geschwindigkeit und kündigen an, dementsprechend zu servieren.

Harald Martenstein sitzt im Rauchersaal, ja, es ist wirklich ein Saal, nicht so ein verstecktes Kabuff, in dem gequalmt werden darf, aber unter Umständen auch gefoltert werden könnte. Der Saal ist fast leer, nur ein Pärchen schweigt sich an einem der hinteren Tische an; Kenner des Hauses erzählen, wie hier eine junge Frau lächelnd eine Zigarette in den Pelzkragen ihrer Begleiterin gedrückt hat, also: Wenn man es ganz genau nimmt, müsste man das ganze Ding hier "soziologisch auffällig" nennen.

Harald Martenstein ist freundlicherweise im Harald-Martenstein-Look erschienen: schulterlange Haare, Brille und ein Oberlippen- und Kinnbart, der unter der Nase leicht anrasiert ist. Martenstein ist eine Art Wappentier des deutschen Kolumnismus - er spricht seine Texte im Radio, er geht mit ihnen auf Lesereisen, er bekommt Preise, auch solche, die nicht in erster Linie etwas mit Journalismus zu tun haben, so ist er etwa seit Neuestem Botschafter für die Great Wine Capital Mainz/Rheinhessen.

Denn auch das ist die Wahrheit: Mögen die einen seine Kolumnen für die Reflexe eines Schamverletzers halten - für sehr viele andere gilt Martenstein als heiterer Volksaufklärer, der die Dinge beim Namen nennt. Sie begrüßen jede Kolumne von ihm - in der Zeit oder im Tagesspiegel , wo er Redakteur ist - und halten sie den vermeintlichen Gesinnungsbademeistern wie Zertifikate des gesunden Menschenverstands entgegen.

Also, die einen und die anderen?

Manufactum auf der einen Seite, Massenschlägerei auf der anderen: "Dazwischen ist nix."

"Interessant ist ja", sagt Martenstein, "dass es bei diesem Moralding keine pragmatische Mitte mehr gibt. Sondern auf der einen Seite gekränkte Menschen, die furchtbare Rache fordern für ihre Kränkung, und auf der anderen Seite eine auffällige Verrohung in der Art, wie man auf Leute losgeht - also, auf der einen Seite Manufactum, auf der anderen Seite Massenschlägerei. Dazwischen ist nix."

Auf der Suche nach einer pragmatischen Mitte: Harald Martenstein mit Hund, Hut und einem zur Zeit schlecht beleumundeten Kleidungsstück.

(Foto: Benne Ochs)

Dann erklärt er, wie es auf ihn wirkt, wenn die gesammelte Empörung auf seine Texte prasselt wie dürres Kiefernnadelzeug. "Die Botschaft, die dann an mich gesendet wird, lautet: Mach mehr davon!" Er sei ja in Mainz aufgewachsen und habe seine ersten journalistischen Arbeiten rund um den Karneval entstehen lassen, wo Honoratioren, Wirtschaftleute und Politiker sich in der ersten Reihe von den Clowns abwatschen lassen mussten. "Wenn Leute sagen: Wir sind so schutzbedürftig, über uns dürfen keine Witze gemacht werden, dann ist das für mich ein Aufruf, sie zu desensibilisieren. Und diese Dienstleistung erfülle ich gerne."