Gemeinsame Produktion von ARD und Sky "Das wird schmutzig werden"

Regisseur Tom Tykwer auf einem Archivbild aus dem Jahr 2009

(Foto: dpa)

Eine ungewöhnliche Kooperation: ARD, Sky und Tom Tykwer planen gemeinsam die Crime-Serie "Babylon Berlin", der Regisseur stellt sich einen "Polizeifilm in historischem Gewand" vor. Das üppige Budget dürfte auf dem Niveau amerikanischer Shows liegen.

Von Christopher Keil

Die Damen und Herren, die sich vor zwei Wochen in Frankfurt trafen und grundsätzlich einigten, halten bis heute zusammen und noch immer dicht. Das ist, weil es sich um Konkurrenten, um Vertreter des öffentlich-rechtlichen und des kommerziellen Fernsehens handelt, erstaunlich.

Seit Monaten bereiten ARD und Sky Deutschland mit Produzenten der in Berlin ansässigen Firma X-Filme ein so noch nie zusammengestelltes Serienprojekt vor. Unter dem Arbeitstitel "Babylon Berlin" soll Regisseur Tom Tykwer (Das Parfum, Cloud Atlas) die Kriminalromane des Schriftstellers Volker Kutscher in acht oder auch zehn Teilen filmisch verdichten. Zunächst würden alle Folgen exklusiv im Pay-TV bei Sky, anschließend im Ersten gezeigt werden - exklusiv im Free-TV. Die Finanzierung, sagen Beteiligte, sei zwar weiter offen, allerdings die wesentliche Planung nahezu abgeschlossen. Das Budget soll demnach bei 25 Millionen Euro liegen, der ARD-Anteil etwa neun Millionen, der von Sky Deutschland etwa vier Millionen betragen. In die weltweite Verwertung ist die Beta Film (München) eingebunden.

Durch die barrierefreie Finanzierungsstruktur wird ein Budget erzielt, das auf dem Niveau amerikanischer Shows liegt. Circa 2,5 Millionen Euro soll eine Serienstunde kosten. In der ARD ist von einem "Experiment" die Rede, von einem energischen Versuch, eine serielle TV-Erzählung aus Deutschland mit einem international anerkannten deutschen Kino-Regisseur und überwiegend deutschen Darstellern in einer Qualität herzustellen, die national und auch im Ausland Publikum findet.

Tykwer will ein modernes Polizei-Epos in historischem Gewand

Im Mittelpunkt wird wie in der Buchvorlage Kutschers ein Kommissar aus Köln stehen, Gereon Rath, der in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nach Berlin kommt und dort ermittelt. X-Filme hat die Fernsehrechte 2013 erstanden. Auf der Homepage von Kiepenheuer & Witsch äußert Tom Tykwer: "Seit Jahren suchten wir nach einem Stoff", der die Epoche zwischen dem Ende des ersten Weltkrieges und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten "in einer filmisch aufregenden Form" wiederbelebe. Tykwer stellt sich einen epischen, modernen "Polizeifilm in historischem Gewand" vor.

Als Vorbild wäre das fabelhafte amerikanische Gangsterdrama Boardwalk Empire geeignet. Darin wird vordergründig Aufstieg und Fall eines Provinzpolitikers in der Spielerstadt Atlantic City während der Prohibition beschrieben. In Nebenhandlungen breitet sich über bereits vier Staffeln die Entstehungsgeschichte des organisierten Verbrechens aus, das Morden Al Capones und seine Verfolgung durch das sich rasant aufpumpende FBI J. Edgar Hoovers.

Auch in "Babylon Berlin" wird um 1929 erschossen, erstochen, gefoltert, geschmuggelt. Es gab Banden, die altväterlich Ringvereine hießen, es gab viele Drogen, Striptease, Ekstase, Expressionisten und Orgien - oft Orgien der Gewalt. Eine unbeherrschte Sucht auf Leben und Tod durchzog die vibrierende Metropole des gefallenen deutschen Kaiserreiches, und an ihren Rändern bildeten sich Politik und Gesellschaft neu aus.

Die geschminkte Version der flirrenden Phase inszenierte Bob Fosse in seiner Musical-Verfilmung Cabaret mit Liza Minnelli vor 40 Jahren. Die dunkle Seite soll nun herausgeputzt werden: "Das wird schmutzig werden", raunt einer aus der ARD - aber nur bis zur FSK-12-Grenze, damit eine Ausstrahlung um 20.15 Uhr möglich werde. Für Sky Deutschland ist die Investition in eine Serie mit Tom Tykwer als Showrunner wie ein Lizenzkauf. Für die ARD könnte die Partnerschaft mit dem Pay-TV ein Modell der Zukunft werden - sofern tatsächlich etwas entsteht, das sich sehen lassen kann. Bedenken, eine Erstausstrahlung bei Sky könne die ARD Zuschauer kosten, verwirft einer, der im Ersten Einfluss hat: "Wenn wir Arte als Ko-Produzenten haben, verlieren wir garantiert mehr Quote." Sky Deutschland wollte sich an diesem Freitag "zu Spekulationen nicht äußern", ARD-Programmdirektor Volker Herres war nicht erreichbar.