Feminismus-Debatte Das Wiki ist Teil einer Radikalisierung der Geschlechterdebatte im Internet

Viele Einträge auf agentin.org sind zudem noch äußerst dürr, meist wird nicht einmal erklärt, warum die jeweilige Person nun in dieser Liste auftaucht. Verbindungen zu katholisch-konservativen Organisationen und ein, zwei Zitate reichen den Verantwortlichen in vielen Fällen schon. Das Wiki mag noch in der Anfangsphase sein, aber einen seriösen Eindruck macht es nicht, wenn in einem Eintrag steht, dass ein evangelischer Pastor "der Anti-Choice-Bewegung nahezustehen scheint". Auch wenn die oft vagen Formulierungen juristisch bedingter Vorsicht geschuldet sein mögen.

Das schlechte Gefühl, das das Wiki auslöst, kommt auch daher, dass es nun mal nicht verboten ist, Antifeminist zu sein. Eine Liste mit Antifeministen legt aber nahe, dass da etwas Falsches passiert, etwas, das aufgedeckt werden muss.

Man kann das Wiki also nicht nur - wie es seine Macher tun - als Reaktion auf, sondern auch als Teil einer Dynamik sehen, in der sich Debatten über Geschlechterfragen in den vergangenen Jahren im Internet radikalisiert haben. Online-Foren, Kommentarsektionen und viele Wikis sind keine Orte differenzierter Argumentation und sachlicher Diskussion. Agentin.org lässt sich mit der Liste vielleicht ein Stück zu weit auf die Formen ein, die diese hitzigen Debatten angenommen haben. Vielleicht in einem Maße, das einer parteinahen Stiftung nicht gut steht - aber das Lexikon schwebt eben keineswegs im luftleeren Diskursraum.

Von der anderen Seite gibt es schon längst eine "Prangerseite"

In einer Glosse vom Montag schreibt der Tagesspiegel-Redakteur Bernd Matthies: "Ein Gedankenspiel: Wie wäre es mit einer steuerfinanzierten Namensliste von rechts außen, auf der Gender-Professorinnen, schwule Blogger und linksfanatische Schmalspur-Terroristen nebeneinander zur Observation freigegeben werden? Eklige Vorstellung, finde ich." In gewisser Weise ist das nicht nur eine "eklige Vorstellung". Es gibt so ein Wiki - wenngleich, und das ist ein wichtiger Unterschied - nicht steuerfinanziert, schon seit 2009: Es heißt Wikimannia.

Im Aufbau mag Wikimannia, wie jedes Wiki, vergleichbar sein mit dem Lexikon des Gunda-Werner-Instituts. Inhaltlich und sprachlich ist es das jedoch nicht. Wikimannia hat 3900 Artikel. In dem zu Alice Schwarzer ist sie als Karikatur zu sehen. Mit einer Nazi-Armbinde, auf der das biologische Symbol für Weiblichkeit an Stelle des Hakenkreuzes zu sehen ist. "Hass auf alles Männliche ist mein Lebensmotto" steht in der Bildunterschrift.

Wikimannia ist ein Hetzportal, dessen Autoren nicht einmal so tun als hätten sie das Wohl von Männern und Frauen im Blick. In einem Artikel mit dem Titel "Geschichte der Familienzerstörung", der momentan auf der Startseite von Wikimannia steht, werden die großen Gesetzesänderungen bezüglich der Ehe seit 1957 aufgelistet. Punkt fünf in dieser "Chronik der Familienzerstörung" ist die Gesetzesänderung von 1997, die Vergewaltigung in der Ehe zum Verbrechen erklärte. Die meisten Artikel sind offen frauenfeindlich, zumindest aber höhnisch.

Wer die Seite betreibt, ist nicht klar

Wer sich verleumdet fühle, so steht es süffisant im Impressum, darf an eine E-Mail-Adresse schreiben, von der unklar ist, wem sie gehört. Im Impressum von Wikimannia steht eine Adresse im Norden Istanbuls, Seitenbetreiber sei ein Mann namens Rainer Luka, laut einem Artikel im österreichischen Standard zumindest von 2012 bis 2013 ein Pseudonym von jemandem namens Rainer Hamprecht. Heute ist nicht klar, wer die Seite betreibt.

Soll agentin.org also wieder Waffengleichheit herstellen in diesem Gender-Krieg, der online tobt? Beim zweiten Hinsehen muss man sagen: nicht ganz. Es fehlt dort nun mal die hetzerische Sprache und es ist bedeutsam, dass die Betreiber von Wikimannia unbekannt sind. Sie können nicht rechtlich belangt werden, etwa wegen falscher Beschuldigungen oder Beleidigung.

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Klar: Man kann die Hetzseite eines Haufens wütender Internettrolle nicht gleichsetzen mit dem, was eine seriöse Stiftung tut. Zu Recht erwartet man ein überlegteres, vorsichtigeres Verhalten von der Heinrich-Böll-Stiftung. Und doch ist es auffällig, dass Wikimannia in keinem einzigen der kritischen Kommentare gegen agentin.org auch nur Erwähnung fand.

Jeder "-ismus" ist eigentlich zu divers für ein Wiki

Man kann Agentin.org sicher einiges vorwerfen: die unpassende Listenform. Die oft noch fehlenden Erklärungen, warum eine Person aufgeführt ist. Die Tatsache, dass man viel Vorwissen braucht, um mit den Einträgen und Verbindungen, die das Wiki zieht, etwas anfangen zu können, was über ein reines "der also auch" hinausgeht. Andererseits: Es ist nicht uninteressant, zu erkennen, welche Organisationen und Gruppen durch ihren Antifeminismus verbunden sind - einfach zur politischen Orientierung.

Noch mehr könnte man allerdings von einer ausformulierten Studie lernen, die nicht simplifiziert wie ein Wiki. Die nicht suggeriert, man könne Geisteshaltungen mit verlinkbaren Schlagworten ordnen und deren Anhänger klar voneinander trennen. Auch unter dem Begriff des Feminismus lassen sich schließlich extrem vielfältige, oft sogar widersprüchliche Ansichten versammeln - wie sollte es da bei anderen -ismen anders sein?

Anfang dieser Woche hat Agentin.org einen eigenen Eintrag bei Wikimannia bekommen, einen besonders langen sogar. Das Lexikon des Gunda-Werner-Instituts wird darin als "Prangerseite" gescholten. Der Widerspruch, dass da die Betreiber einer hetzerischen Prangerseite sich über Leute beklagen, die etwas Ähnliches tun - nur weniger hetzerisch - scheint bei Wikimannia niemandem aufzufallen.

Nein, luftleer ist der Raum wirklich nicht, in dem diese Diskussion gerade stattfindet.

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