Experiment auf ZDF Neo Von der Simulation einer Diktatur zum Event-Knast

Eintritt in die Diktatur: Mirco wird in der "Diktator" kontrolliert.

(Foto: ZDF und Stefan Menne)

Die ZDF Neo-Dokumentation "Diktator" soll ein Leben ohne Demokratie zeigen. Sie ist Unfug, und das viele Gerede davon ein Ärgernis.

Von Cornelius Pollmer

Godwins Gesetz gilt auch im Fernsehen, aber die Stoppuhr zeigt immerhin 27:37 Minuten, als endlich jemand "Hitler!" sagt. Es ist die Kandidatin Nana und sie liefert damit einen weiteren Beleg für eine Beobachtung des Rechtsanwalts Mike Godwin, derzufolge in jeder Diskussion irgendwann irgendjemand irgendetwas mit einem Nazi-Vergleich bedenkt. Im vorliegenden Fall der Dokumentation Diktator fällt dieser Vergleich nicht ganz ohne Grund. Die Versuchsanordnung von ZDF Neo sieht vor, acht Menschen zwischen 19 und 31 Jahren eine Woche lang in einem Keller einem Sozialexperiment auszusetzen. Die Gruppe soll, überwacht von zwei Sozialpsychologen, auf Wahn und Willkür eines quasi-auktorialen Off-Diktators reagieren, so steht es zumindest auf dem Papier.

Unglücklich kurios

In der Praxis ist es so, dass die noch junge deutsche Mode, große Übel der Welt im Fernsehen nachzuspielen, bislang wenige, aber erstaunliche Beispiele kannte. Das Format Auf der Flucht wurde erst als zynisch kritisiert und als gescheitert beurteilt, später gewann es den Deutschen Fernsehpreis. Das Format Plötzlich Krieg wurde erst als zynisch kritisiert und als gescheitert beurteilt, später gewann es nicht einmal den Deutschen Fernsehpreis. Im Fall von Diktator kommt auch der neue Versuch des Genres von ZDF Neo, und wenn ihm von vornherein etwas vorzuwerfen ist, dann ist es der leichtfertige Umgang mit Etiketten. Es leben in Deutschland noch viele Menschen, die die reale Diktatur der DDR oder die reale Diktatur der Nationalsozialisten oder gar beides durchstanden haben. Den möchte man lieber nicht erklären, dass die "Diktatur" des ZDF-Experiments nun auch darin besteht, dass ein 19-jähriger Modeblogger für eine Woche sein Handy abgeben muss.

Der Sendungstitel Diktator ist aus noch anderen Gründen kardinaler Unfug, und das viele Gerede davon deshalb ein Ärgernis. Tatsächlich lässt das Konzept eher eine Art Event-Knast entstehen, einen kuriosen Kellerhybriden aus Big Brother, durchgekicherter Single-Gruppenreise und dem Spieleabends-Whodunit Mord in Palermo. Über allen Schikanen und Eingaben also steht das viel zu große Wort von der Diktatur, und erst wenn man dieses Etikett geistig abgespult hat, lassen sich die guten Ansätze von Diktator erkennen. Dem Format geht es nicht um den zum Glück unmöglichen Versuch, maximal möglichen Horror zu imitieren. Es geht darum, niedrigschwellig und weitestgehend innerhalb der Komfortzone Prinzipien wie Abschottung oder Gleichmacherei zu skizzieren. Das sieht gesendet oft unglücklich kurios aus, kann an den Tablets und Smartphones daheim ja aber dennoch Diskussionen und Nachdenken anstiften.

Diktator, 23. u. 24. April, 21.45 Uhr, Doppelfolgen.

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