Ex-Tatort-Chefin gesteht Betrug "Irre große Fehler"

Ihr Bedauern ist groß: Die langjährige NDR-Fernsehspiel-Chefin Doris Heinze hat vor dem Landgericht Hamburg eingeräumt, jahrelang eigene Drehbücher von sich und ihrem Mann bei dem Sender eingeschleust zu haben. Im Prozess um die sogenannte "Drehbuch-Affäre" droht der 63-Jährigen eine mehrjährige Haftstrafe.

Im Prozess um die Drehbuch-Affäre beim NDR hat die langjährige Fernsehspielchefin Doris J. Heinze Fehler eingeräumt. Sie habe ihre einflussreiche Position ausgenutzt, um Stoffe von sich und ihrem Mann unter Pseudonym bei dem Sender unterzubringen, erklärte die 63-Jährige am Freitag vor dem Hamburger Landgericht. "Ich weiß, dass es ein irre großer Fehler war. (...) Ich hatte permanent ein schlechtes Gewissen."

Doris Heinze vor dem Landgericht Hamburg: "Worauf die Sender vorher stolz waren, war plötzlich nicht mehr gewünscht."

(Foto: dpa)

Sie bedauere ihr Vorgehen, weil ihr viele Leute beim NDR vertraut hätten. Auf Projekte habe sie "zweifellos erheblichen Einfluss" gehabt, sie sei "sehr genau gehört" worden, erklärte Heinze.

Als Motiv für ihr Verhalten nannte sie die damalige "Süßstoff-Debatte" in der ARD rund um das Jahr 2000 - eine Debatte über die Qualität der angeblich zu seichten Fernsehfilme.

Plötzlich habe es "einen merkwürdigen Hautgout" bekommen, wenn Redakteure - wie früher üblich - selbst Drehbücher schrieben, sagte die Angeklagte. "Worauf die Sender vorher stolz waren, war plötzlich nicht mehr gewünscht." Projekte von ihr und ihrem Mann wären daher schon deshalb nicht gemacht worden, weil es eben Projekte der Fernsehspielchefin und ihres Partners waren.

Mit Hilfe der Decknamen "Marie Funder" und "Niklas Becker" habe sie die Stoffe dann aber realisiert: "Ich fand die Stoffe wirklich gut, und ich wollte sie einfach haben." Die Verträge seien zudem so gestaltet worden, dass weder "Marie Funder" noch "Niklas Becker" je Wiederholungshonorare bekommen hätten.

"Eine sehr erfolgreiche Zeit"

Obwohl sie wusste, dass sie "gegen die Stimmung im NDR verstoßen" habe, habe sie sich nie vorstellen können, wie ihr Verhalten juristisch bewertet wird, betonte die 63-Jährige. Es seien Drehbücher geschrieben und Filme produziert worden - sie habe nicht den Eindruck gehabt, dem Sender zu schaden. Allerdings hätte Heinze als Hausautorin nur 50 Prozent der üblichen Drehbuchhonorare von jeweils bis zu 26.000 Euro erhalten dürfen, die mit externen Autoren vereinbart wurden.

Die ehemalige Fernsehfilm-Redakteurin muss sich wegen schwerer Bestechlichkeit, schwerer Untreue und Betrugs vor Gericht verantworten. Auch ihr Mann und eine Filmproduzentin sind angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft Heinze verbotene Absprachen mit der Produzentin vor. Die Filmproduzentin habe zwar gewusst, wer hinter den beiden Pseudonymen steckt, sagte Heinze. Aber: "Wir hatten gar nichts vereinbart, wie das laufen soll. Darüber haben wir nie gesprochen. (...) Ich fühlte mich mit meinem schlechten Gewissen allein und wollte es auch bleiben."

Ihre Arbeit beim NDR habe sie mit "wahnsinnig viel Freude und Engagement" gemacht: "Und es war ja auch eine sehr erfolgreiche Zeit." Knapp 400 Drehbücher habe sie auf den Weg gebracht.

"Eine künstlerische Herausforderung"

Die 63-Jährige - sie trug einen Blazer, die blonden Haare waren zum Pferdeschwanz gebunden - sprach klar und deutlich, sie wirkte beherrscht. Die Angeklagte kam erst am Nachmittag des zweiten Verhandlungstages zu Wort, den Vormittag hatten Formalien geprägt.

Die Verteidigung der ebenfalls angeklagten Filmproduzentin Heike Richter-Karst war mit einem Antrag gescheitert, dass die zuständige Wirtschaftskammer mit drei statt mit bisher zwei Berufsrichtern besetzt werden sollte. Ihren 133 Seiten langen Antrag, den sie stundenlang vortrugen, hatten die Anwälte mit dem Umfang und der Komplexität des Verfahrens begründet.

Das Ehepaar Heinze sprach nach Angaben des Ehemannes nicht viel über den Beruf. "Meine Frau und ich haben uns sehr bemüht, uns nicht ständig über unsere Arbeit auszutauschen", zitierte die Verteidigung der Produzentin aus einem Schreiben des heute 63-jährigen Autors. Das sei "vielleicht ein Fehler" gewesen.

Das Schreiben unter Pseudonym - "eine künstlerische Herausforderung" - rechtfertigte der Mann auch mit dem Arbeitgeber seiner Frau. Die öffentlich-rechtlichen Sender hätten Schwierigkeiten damit gehabt, dass er mit Heinze verheiratet sei und gleichzeitig schreibe. Seit der Entlassung seiner Frau beim NDR seien viele Projekte auf Eis gelegt worden: "Es ist wie ein Berufsverbot, und alle warten auf eine Entscheidung."

Die drei Angeklagten müssen sich für insgesamt 14 Straftaten von November 2003 bis zum Juli 2007 verantworten. Heinze droht eine mehrjährige Haftstrafe. Ein Urteil wird Mitte August erwartet.