Ex-Fußballer Thomas Helmer Der Mann nach der Rampensau

"Rede viel, aber sag nicht viel" war oft die Devise beim FC Bayern, wenn Thomas Helmer vor die Presse musste. Jetzt ist er selbst die Presse.

(Foto: Sport1/Nadine Rupp)

Thomas Helmer hat Jörg Wontorra beerbt als Moderator des "Doppelpass'". Er redet dabei genauso wie als Spieler: vorsichtig, fachkundig, durchdacht. Der Sendung mit fachsimpelnden Fußball-Experten tut das gut.

Von Harald Hordych

Eines ist schon nach ein paar Minuten klar, nicht dass es überraschend wäre, aber in dieser Deutlichkeit verblüfft es doch: Thomas Helmer liebt es, über Fußball zu sprechen. Der 68-malige Fußballnationalspieler, ehemalige Kapitän von Bayern München, dreimalige deutsche Meister und Fußballeuropameister von 1996 bringt also die wichtigste Voraussetzung mit für die Nachfolge von Jörg Wontorra als Moderator der Sendung Doppelpass bei Sport 1.

Um den Doppelpass in seiner ganzen Fachidioten-Exotik zu verstehen, genügt es, sich zu Helmer an den Tisch eines Münchner Cafés zu setzen und glaubhaft den Eindruck zu erwecken, dass man einigermaßen auf der Höhe des Fußballgeschehens ist. Dann entspinnt sich augenblicklich ein angeregtes Gespräch, und Helmer stellt sofort drei wichtige Moderatoren-Qualitäten unter Beweis: Er hat die richtigen Fragen, hört gern und genau zu und weiß, worüber er spricht.

Beim Doppelpass fachsimpeln seit 20 Jahren jeden Sonntag während der Bundesligasaison sechs Männer aus dem Profi-Fußball und Medienvertreter, seit geraumer Zeit im Hilton Munich Hotel. Würden sie zwei Stunden lang - unterbrochen von Werbung und Spielszenen - über Hockey oder Handball reden, würde jeder den Sender für verrückt erklären. Aber die Sache funktioniert, weil sich grob geschätzt jeder zweite deutsche Mann für einen Fußballfachmann hält. Für diese ausnahmsweise mal nicht schweigende, sondern zu Hause mitbrabbelnde Mehrheit wurde die Sendung erfunden. Im Schnitt hat Doppelpass im Lauf der Saison eine Million Zuschauer, das entspricht einem Marktanteil von zwölf Prozent. Sport 1 spricht in diesem Jahr vom besten Zielgruppenmarktanteil seit 1995 - auch dank des Moderators Jörg Wontorra, der nach neun Jahren zum Saisonende aufgehört hat.

Wenn Helmer, 50, an diesem Sonntag um 11 Uhr seine Vorgänger und Olli Kahn zur Jubiläumssendung bittet, dann präsentiert sich eine Ausnahmeerscheinung im Fußball-TV-Geschäft. Ehemalige Profis, die es zum Experten gebracht haben, gibt es ja mehr als genug. Mehmet Scholl (ARD), Oliver Kahn (ZDF) und Lothar Matthäus (Sky). Gerade Letzterer gibt den Fußballer, wie man ihn klischeehafter nicht darstellen könnte: egomanisch, frei von Selbstzweifeln, ein bisschen ungelenk in der Rhetorik. Der Erste, der das Muster: "Journalist redet, Fußballer sagt auch was" durchbrochen hat und zwar schon seit 2002, ist Thomas Helmer. Der Zweite, der sich nun anschickt, eine Karriere auf der anderen Seite des Mikrofons zu machen, ist Thomas Hitzlsperger, der sich als erster deutscher Fußballnationalspieler nach seiner Profizeit zur Homosexualität bekannt hatte. Hitzelsperger war in Fußballerkreisen dafür berüchtigt, dass er im Mannschaftsbus Romane las, als einziger versteht sich. Als Helmer noch spielte, eröffneten seine Kollegen ihre Antworten immer mit "Ja, ne" oder "Ich sag mal."

Kant, Kafka und Kalle Riedle

Vom Ein-Mann-Betrieb zur erfolgreichen Mannschaft: Das Magazin "11 Freunde" begleitet seit 15 Jahren Fußballfans durch Freud und Leid. Ein Redaktionsbesuch bei Romantikern. Von Martin Schneider mehr ... Reportage

Der im westfälischen Herford aufgewachsene Helmer sagte: "Die Beine des Gegners traktieren, ist nicht mein Stil." Helmer trat immer wie einer auf, dem man auf einem Autobahnparkplatz bedenkenlos seine Kinder zur Obhut anvertraut hätte, weil man an der Grenze seinen Koffer vergessen hat. Auf dem Spielfeld war er dafür zuständig, Tore zu verhindern, Abwehrspieler halten den Laden zusammen und passen auf, dass alles seine Ordnung hat. "Thomas Helmer", schreibt der Munzinger, das Archiv für prominente Menschen, "avancierte auf Grund seiner Leistungen auf dem Rasen und seiner seriösen, bestimmten und souveränen Art sowohl auf als auch außerhalb des Spielfeldes zu einer der großen Persönlichkeiten und Führungsfiguren des deutschen Fußballs".

"Und wer schreibt das? Munzinger? Habe ich noch nie gehört." Ein amüsiertes Lächeln umspielt Helmers Lippen, das ist sein Markenzeichen. Und weil die Welt des Fußballs in dieser Mischung aus Schlichtheit und Hysterie viel Anlass zum Amüsement gibt und Helmer einen Sinn für Komik hat, sieht man dieses Lächeln häufig im Gesicht aufscheinen.

Früher fragte man sich, was aus Helmer mal werden wird. Manager? Vereinspräsident?

Vorgänger Jörg Wontorra ist eine Rampensau, er provoziert selbstbewusst mit bärbeißigem Charme und hält mit pointierten Sprüchen nicht hinterm Berg. Helmer, der schon seit Jahren Wontorra bei Sendungen vertreten hat und so auf die Aufgabe vorbereitet wurde, ist zurückhaltender und vorsichtiger. Seine Einschätzungen sind fachkundig, aber sie sind auch differenziert und durchdacht.

Eigentlich schon genau so wie damals, als er noch Fußball spielte.

Schon damals hatte man sich immer gefragt, was wohl aus dem mal werden wird. Manager? Vereinspräsident? DFB-Sprecher? "Ich hatte ehrlich gesagt, keine genauen Vorstellungen, das war mehr oder weniger Zufall", erzählt Helmer. "Für mich war nur klar: Ich will kein Trainer werden, zumindest wusste ich, was ich nicht wollte. Ich wollte diesen Rhythmus nicht mehr haben. Immer ins Trainingslager, immer auf den Trainingsplatz, ich wollte einfach ein bisschen Abstand davon haben." Helmer verfügte über eine rhetorische Begabung und eine PR-Agentur, die ihm bei Sat 1 eine Stelle als Co-Kommentator der WM in Japan verschaffte. Als der Kollege ausfiel, musste Helmer ran. Das kannte er ja: "Ich hatte oft die Situation, wenn wir bei Bayern nicht gewonnen hatten, dass der Pressesprecher sagte: Thomas heute musst du mal wieder vor die Presse. Rede viel, aber sag nicht viel."

Als seine Karriere 2000 mit einem kurzen Gastspiel beim FC Sunderland mit 34 zu Ende ging, lernte Helmer nach dem Wechsel zum DSF, später Sport 1, beide Seiten des Redens über Fußball kennen, manchmal war er auch als Experte beim Doppelpass, aber er merkte schnell, dass ihm die Rolle des Moderators mehr liegt, obwohl oder gerade weil sie die schwierigere ist. Doppelpass ist eine zünftige Talkrunde mit Publikum im Fußballtrikot, dem vor der Sendung von einer Assistentin gesagt wird, dass man nicht zu viel Weißbier trinken soll, damit niemand während der Sendung einschläft oder vom Stuhl rutscht. Was es alles schon gegeben hat. Der besonnene Helmer könnte da leicht etwas fehl am Platz wirken, so wie er ja manchmal nach dem Spiel, wenn er so gestochen redete, etwas fehl am Platz wirkte. Aber etwas hilft ihm sehr, das ist die Tatsache, dass er so gern mit Fußballern und überhaupt mit Menschen zu tun hat.

Wenn er von seiner Fußballerzeit erzählt, dann erzählt Helmer sehr oft von Menschen. Super waren nicht die Siege, und Triumphe, super war es, wenn die Kumpels vom "Laiens-Klub", alles ehemalige Spieler und Weggefährten aus Dortmunder Zeiten, die sich regelmäßig treffen, zu einem Spiel von ihm mit dem FC Sunderland reisten und dann in seinem Haus in allen Zimmern Fußballtennis spielten. Super lustig war, als sein Zimmergenosse im Trainingslager immer nur die Praline und St. Pauli Nachrichten gelesen hat. Oder super ist, wenn er mal ins Stadion geht und mit Trainern und mit Ersatzspielern spricht: "Das macht auch Spaß, weil da immer Menschen im Spiel sind."

Fußballer nennen das, was er macht, Flachsen - freundliches Anrempeln eben

Dem Führungsspieler Helmer, der statt des Spiels nun Gespräche lenkt, zeichnet eine große integrative Kraft aus. Deshalb pflegt er etwas, was alle Mannschaftsspieler dieser Welt mehr oder weniger auszeichnet, die Kunst des sich gegenseitig mit kleinen Schwächen aufziehen. "Klar sind Fußballer Kindsköpfe, man darf nicht vergessen, dass sie ihr ganzes Leben lang spielen." Typisch Helmer, dass er das nicht gehässig sagt, sondern mit freundlicher Milde. Fußballer nennen das Flachsen, liebevolles Anrempeln könnte man auch sagen, und der ironische Helmer setzt dieses Mittel immer wieder ein, teils um Gesprächspartner etwas zu lockern, teils die Stimmung aufzuhellen. "Ja, da neige ich zu, da muss ich manchmal aufpassen, dass ich das nicht ein bisschen zu oft mache." Es ist ja noch Zeit, seinen Stil auszufeilen, Helmer wird die Fußballwelt noch besser kennerlernen, die Welt, zu der er eigentlich Distanz aufbauen wollte.

Das hat er nur bedingt geschafft. Wenn seine Frau in Hamburg, wo er mit seiner Familie lebt, auf den Markt geht, wird sie oft gefragt: Na, was sagt denn dein Mann zum HSV? "Joo, du, sagt sie dann", erzählt Helmer, "im Moment läuft's nicht so gut. Aber das wird schon wieder. Irgend so einen Spruch, den sie aufgefangen hat. Klar, antworten die dann, das sehen wir genauso!" Da lacht er sich kaputt und sagt: "So einfach ist das eigentlich."