Buchkritik: Schimmeck über Medienmacht Verdummungsspirale

Schimmeck sieht in den Medien längst die große "Verdummungsspirale" rotieren. "Ein Dieter Bohlen braucht kaum einen Furz zu lassen, um News zu generieren. Burkina Faso muss für eine vergleichbare Menge medialer Zuwendung schon tausend Tote aufbieten."

Niedergangsgeschichten schreiben sich von allein, denn dass früher alles besser war, gehört seit 2500 Jahren zu den Klassikern der Kulturkritik. Natürlich war früher alles besser, aber früher wollte der inzwischen seliggesprochene Bundeskanzler Adenauer seinen Bürgern ein dem Muster von Joseph Goebbels nachgeschaffenes Informationsministerium zumuten, was die misstrauische Presse zu verhindern wusste.

Tausend Ausreden

Früher konnte sich Reinhard Gehlen Marion Gräfin Dönhoff einbestellen, damit die den BND in der Zeit treuherzig als feine Organisation ohne ehemalige SS-Angehörige beschrieb und den Chef bei der Gelegenheit gleich zum Widerstandskämpfer adelte. In dieser guten alten Zeit konnte erwähnter Adenauer bei Axel Springer anrufen und ihm auferlegen, in der Spiegel-Affäre strikt im Sinn der Regierung zu berichten.

"Am überspannten Spreebogen" sieht es besser aus, könnte es jedenfalls. Die Presse ist längst nicht mehr so unterwürfig wie in der alten Bundesrepublik, aber dafür faul. Das schlägt sich in der Berichterstattung nieder. Schimmeck hat mit Politik-Beratern, Casting-Agenten, mit Lobbyisten und dem omnipräsenten Hans-Olaf Henkel, dem Ex-Präsidenten des Bundesverbands der deutschen Industrie, gesprochen und seinen Befund bestätigt bekommen, dass auch der eifrigste Journalist nur über jenen "schmalen Ausschnitt der komplexen Realität, der ihm gerade in den Kram passt", berichtet. Dafür gibt es tausend Ausreden.

Veronapoothisierung des Journalismus

Gern wird auf die regelmäßig wiederkehrende Wirtschaftskrise verwiesen, die am Rückgang der Anzeigen schuld ist, was wiederum den Renditedruck erhöht und deshalb zu einer Ausdünnung der Redaktionen führt, die damit anfälliger werden für Fertigteilberichterstattung, wie sie von Lobbyisten und Medienberatern ohnehin bereitgehalten wird. Aber ohne den fügsamen Journalisten, ohne die tägliche Mitwirkung der "Verfüllungsgehilfen", wie Schimmeck sie nennt, wäre die "Veronapoothisierung des Journalismus" längst nicht so gründlich gediehen.

Eine frohe Botschaft hat Tom Schimmeck am Ende seiner Generalabrechnung dann doch: "Wir werden gebraucht. Wenn wir gut sind, mehr denn je." Wenn aber die Macht durch machtgeile Kontrolleure kontrolliert wird, die vor lauter Angst um ihre hart erarbeiteten Privilegien in den Hartz-IV-Empfängern die neuen Volksschädlinge entdecken, darf man sich schon ein bisschen fürchten.

Tom Schimmeck: Am besten nichts Neues. Medien Macht und Meinungsmache. Westend-Verlag, Frankfurt 2010. 308 Seiten, 17,95 Euro.