Boom von "True Crime" Warum ganz Amerika einen Mörder sucht

Verurteilt, freigelassen und wieder festgenommen: "Making a Murderer" erzählt die Geschichte des Amerikaners Steven Avery.

(Foto: netflix)

Die Netflix-Serie "Making a Murderer" kommt zum richtigen Zeitpunkt: Noch nie war die Lust an realen Kriminalfällen so groß. Über einen Trend zwischen Grusel und Gerechtigkeit.

Von Katharina Riehl

Die Mitarbeiterin des amerikanischen Fernsehsenders NBC hat in der Netflix-Serie Making a Murderer nur einen kurzen Auftritt, aber mehr braucht sie auch nicht, um die Sache auf den Punkt zu bringen. Die Producerin der auf Kriminalfälle spezialisierten Nachrichtensendung Dateline soll erklären, warum sie und ihre Kollegen im ganzen Land so wild sind auf den Fall des unter Mordverdacht stehenden Steven Avery. Ihre Antwort: "Right now murder is hot"; auf Deutsch: Mord ist gerade der heiße Scheiß.

Mord: das neue Lieblingsthema des Hochglanzfernsehens

Auf den ersten Blick ist das eine in Knallbonbonsprache verpackte Nullanalyse, denn wann sollen Mord und Totschlag bei Lesern und Zuschauern nicht gut angekommen sein. In den USA werden seit Jahrzehnten Programmstrecken mit der Jagd realer Verbrecher bespielt, inklusive Auto-Verfolgung live im TV. In Deutschland gibt es, ganz duales System, Verbrecher-Trash bei Kabel Eins oder RTL 2 und Aktenzeichen XY . . . ungelöst beim ZDF; Beamten-TV.

Interessant war der Satz der Dateline-Dame deshalb, weil er bei keinem Blaulicht-Sender, sondern bei Netflix gefallen ist, wo ja jede neue Serie von einem gewissen Qualitätsversprechen umweht ist, auch die zehnteilige Doku Making a Murderer, dort seit Dezember zu sehen. Und weil diese wirklich sehr irre Kriminalgeschichte für eine bemerkenswerte Entwicklung steht: True Crime, die Erzählung über reale Verbrechen, ist das neue Lieblingsthema des Hochglanzfernsehens geworden.

Ein sensationelles Stück Fernsehen

Making a Murderer erzählt die Geschichte des Amerikaners Steven Avery aus Wisconsin, der mit Anfang 20 für 18 Jahre wegen Vergewaltigung ins Gefängnis kam, seine Schuld stets bestritt und erst 2003 nach einer DNA-Analyse rehabilitiert wurde. Weil Avery und seine Anwälte der Meinung waren, dass die Strafverfolgungsbehörden diesen Justizirrtum hätten verhindern können, dass sie Beweise unterschlugen, klagte Avery nach seiner Freilassung auf Schadenersatz.

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Kurz darauf wurde er wieder festgenommen, wegen des Mordes an einer Fotografin, und ausgerechnet einige der von Avery belangten Sheriffs fanden belastendes Material auf dessen Grundstück. Zehn Jahre lang haben die Filmemacherinnen Laura Ricciardi und Moira Demos den Fall begleitet, Interviews geführt, Aussagen ausgewertet, im Gericht gesessen. Ein sensationelles Stück Fernsehen, von dem das deutsche nach wie vor nur träumen kann. Und das einen kaum mehr loslässt: Fast 400 000 Menschen haben eine Petition für Avery unterschrieben, den sie für unschuldig halten.

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Mit Making a Murderer hat nun also auch das Streaming-Portal Netflix seinen Teil beigetragen zur Riesenwelle der sehr schicken True-Crime-Formate, die gerade durch die Popkultur schwappt. Angefangen hat der Boom mit dem Podcast Serial, der 2014 in seiner ersten Staffel den Mord an einer Studentin aus Baltimore aufarbeitete. Anfang 2015 dann zeigte der Bezahlsender HBO die Serie Jinx, an deren Ende der schwer dubiose und sehr reiche New Yorker Immobilienerbe Robert Durst beiläufig (aber dummerweise auf Band) ein paar Morde gestand; Jinx sah aus wie eine HBO-Serie eben aussieht: tolle Bilder, toll geschnitten, nur eben echte Tote. Durst sitzt heute im Knast und wartet auf seinen Prozess.

Und es gibt noch viel mehr: In Großbritannien arbeitete Channel 4 gerade in der Miniserie The Murder Detectives den Mord an einem 19-Jährigen in Bristol auf, der im Jahr zuvor auf offener Straße niedergestochen worden war. Der US-Sender ABC hat eine neue Serie angekündigt, die einen kompletten (und natürlich realen) Gerichtsprozess aus der Sicht der zwölf Geschworenen erzählen soll.

Und dann gibt es in Deutschland ja auch noch gedruckte Varianten der eleganten Mordberichterstattung: Seit Juni 2015 hat der Stern einen Ableger namens Stern Crime, in dem sehr poetisch geschriebene und sehr kultiviert bebilderte Gräueltaten zu finden sind. Sogar in der bürgerlichen Zeit gibt es seit Kurzem eine Seite zu "Recht und Unrecht". Das echte Verbrechen ist aus der Schmuddelecke entkommen.