Börne-Preis für Reich-Ranicki Feierstunde mit Gediegenheit

Marcel Reich-Ranicki wird mit dem eigens für ihn gestifteten Börne-Ehrenpreis gewürdigt - fürs Lebenswerk. Live im ZDF erklärt der Literaturkritiker sein Leben. Und Harald Schmidt singt dazu.

Von Marc Felix Serrao

Preisverleihungen sind oft schlimme Veranstaltungen. Die schönste Urkunde kann nichts gegen die zittrige Selbstergriffenheit ausrichten, die viele Redner überkommt, wenn sie ein paar freundliche Worte in ein Mikrofon sprechen sollen. Der Vorteil bei dem Fest, das an diesem Sonntag in der Frankfurter Paulskirche gegeben wurde, war sein Würdenträger: Marcel Reich-Ranicki. Der Literaturkritiker erhielt kurz nach seinem 90. Geburtstag den eigens für ihn gestifteten Ehrenpreis der Ludwig-Börne-Stiftung: fürs Lebenswerk. Nun könnte man meinen, dass Reich-Ranicki - allein der Name - dem Pathos der Gratulanten gewisse Grenzen setzt. Von wegen Sprachgefühl und so. Doch das ZDF war als live übertragender Sender auch dabei.

"Das wird keine langweilige Preisverleihung werden", gurrte Wolfgang Herles, Moderator des ZDF-Kulturmagazins Aspekte zur Begrüßung. Natürlich wurde sie es doch, zumindest in weiten Teilen. Aber das ist auch in Ordnung. Wer will schon eine aufregende Preisverleihung erleben, etwa eine, bei der vom Stromausfall bis zum Schlaganfall Dinge passieren, mit denen keiner gerechnet hat. Nein, Preisverleihungen sind einzig für ihre Träger gemacht, und wenn die auch noch zu den ältesten Anwesenden zählen, sollte es gediegen zugehen.

Ein Laudator, der das wunderbar beherzigt hat, war Harald Schmidt. Der Gast von der ARD ging auf die Bühne und sang, begleitet von einem jungen Pianisten, ein Gedicht von Brecht, "Erinnerung an die Marie A." Schmidt traf zwar nicht jeden Ton, aber er war sichtlich bemüht. Da war keine alberne Distanz, kein ironisches Augenzwinkern. Der große, dünne Mann stand kerzengerade neben dem Flügel, die Arme still, und sang ein Ständchen. Auf den letzten Ton folgte ein knappes: "Herzlichen Glückwunsch", dann ein Handschlag für den Preisträger. Und fertig.

"Den Fernsehpreis abgelehnt und mich angenommen"

Der Rest, naja. Petra Roth, die Oberbürgermeisterin von Frankfurt, wirkte in ihrem hellgelben Kleid wie ein Teil der Blumendeko, was aber auch an ihrer Rede gelegen haben kann. Thomas Gottschalk sprach vor allem über sich selbst und die Ehre, von Reich-Ranicki geduzt zu werden. "Du hast den Fernsehpreis abgelehnt und mich angenommen", sagte Gottschalk. Dann erklärte er dem Überlebenden des Warschauer Ghettos, der sich zeitlebens mit mal grober, mal feuilletonistischer Judenfeindlichkeit rumschlagen musste, dass er einem Selbstbetrug unterliege: Er sei doch gar nicht der Außenseiter, als der er sich immer darstelle. Zum Schluss plädierte Gottschalk dafür, dass die Zeitungskritiker doch bitte mal die Ansätze im öffentlich-rechtlichen Programm würdigen sollen, die in die richtige Richtung gingen. Also irgendwie in Richtung Bildung plus Unterhaltung. Was Gottschalk damit meinte? Wer weiß es.

Dann gab es noch ein bisschen Deutschen-Bashing von Henryk M. Broder, Besinnliches von Frank Schirrmacher und zum Schluss eine kurze freie Rede von Reich-Ranicki selbst. Nicht mehr ganz so kräftig wie früher, aber immer noch druckreif. Warum er das alles gemacht habe? "Weil es mir Spaß gemacht hat." Schön. Und das eigentliche Schlusswort von ZDF-Moderator Herles - irgend etwas über Literatur, die es in "Zeiten des Quotenwahns" schwer habe - ist irgendwie im Stühlerücken der Gäste untergegangen.