"Blochin" im ZDF Wie die Axt im Wald

In "Blochin" spielt Jürgen Vogel einen Polizisten mit Knastvergangenheit und Hang zu Alleingängen.

(Foto: ZDF und Stephan Rabold)

Mit Jürgen Vogel als "Blochin" will das ZDF an Serienerfolge wie "Breaking Bad" anknüpfen. Aber die Serie hat ein Problem.

Von Silke Burmester

Um zu verstehen, was an diesem Vormittag in Hamburg los ist, hilft es, die großartige ZDF-eigene Satire Lerchenberg über die Zustände in der Sendeanstalt zu kennen. Wer eine Ahnung hat, wie ambitionierte Köpfe in Strukturen aus Proporz, Angst und Gemütlichkeit gefangen sind, kann sich ausmalen, warum sich die Verantwortlichen bei der Vorstellung der neuen Krimi-Serie Blochin gebärden, als hätte Moses dem ZDF exklusiv was in Stein gehauen.

So verspricht der stellvertretende Programmdirektor Reinhold Elschot, man würde bei Blochin "Dinge so sehen, wie Sie sie noch nie gesehen haben!", und Lisa Blumenberg, eine der weitsichtigsten und erfolgreichsten Produzentinnen, spricht bezüglich der Programmierung vom "Wunder von Mainz".

Ja, tatsächlich sind ein paar Dinge rund um Blochin sehr ungewöhnlich. So hat der Regisseur und Autor Matthias Glasner Blochin zunächst als 90-Minüter gedreht und seine Auftraggeber beim ZDF mit dieser Arbeit so in den Bann gezogen, dass sie ohne viel Gremienberatung beschlossen, ihn weitere Folgen produzieren zu lassen. Das erste Wunder.

Alle fünf Teile werden mit der ersten Ausstrahlung ins Netz gestellt

Das zweite, die Programmierung, kommt tatsächlich einem Bergwackeln gleich. Sie ist ein Zugeständnis an die Sehgewohnheiten einer neuen Generation: Alle fünf Folgen werden an einem Wochenende gesendet. Und, bereits am Tag der ersten Ausstrahlung, am Freitag, werden alle Teile ins Netz gestellt. Und damit nicht genug, Wunder drei ist auch schon da: Noch bevor das Messgerät des Teufels, die Quotenerfassung, zum Einsatz kommen kann, wurden acht neue Folgen à 60 Minuten bei Glasner bestellt.

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Der Riesenerfolg horizontal, also fortlaufend erzählter US-Serien wie Breaking Bad oder House of Cards lässt Reinhold Elschot sagen: "Wir haben jetzt verstanden, was ihr alle wollt!" und ihn mit Blochin ein Format aussenden, das versucht, die Erfolgsrezeptur aus rauer Geschichte, interessanten, starken Nebenfiguren und der Ambivalenz gegenüber der Hauptfigur auf hiesigen Boden zu bringen.

Jürgen Vogel spielt den namensgebenden Blochin, einen Zivilpolizisten, der gern selbst entscheidet, wo die Grenzen des Gesetzes verlaufen und dessen Vergangenheit ihn in ein aktuelles Verbrechen hineinzieht. Er ist der Anti-Held, den wir in seiner Mission, Schlimmes zu verhindern, auf wilden Motorradfahrten durch Berlin begleiten, dessen Hilflosigkeit wir spüren und dem wir zugucken, wenn er etwas unnötig seine Beziehung gegen die Wand fährt.

Thomas Heinze (links) spielt in Blochin den Vorgesetzten von Polizist Blochin (Jürgen Vogel, rechts).

(Foto: ZDF und Stephan Rabold)

Dann aber ist da auch noch Thomas Heinze, der süße Hundewelpe aus Filmen wie "Allein unter Frauen", der, bestens gereift für ernste Rollen, als Blochins Vorgesetzter und Schwager den Antipoden gibt - die weitaus interessantere, weil vielschichtigere Figur.

Regisseur Matthias Glasner setzt eigene Akzente

Die Story um Schuld und Verantwortung entspinnt sich von Folge zu Folge mehr zu einem den Zuschauer einwickelnden Geflecht. Der Schnitt der Cutterin Heike Gnida ist maßgeblich für eine Dichte und Spannung, wie die US-Serien sie vormachen. Dennoch gelingt es Matthias Glasner, der mit dem Kriminaldauerdienst seine Krimi- wie auch seine Serienfähigkeit bewiesen hat, eigene Akzente zu setzen. Etwa wenn er auf einen für das deutsche Fernsehen ungewöhnlich brutalen Handlungsverlauf Minuten ohne Ton folgen lässt.

Und doch gibt es ein Problem mit Blochin. Es ist bereits im Namen festgeschrieben. Blochin klingt nach etwas Unverrückbarem, Eingehämmertem. Und so muss auch Jürgen Vogel sich gebärden. Vogel, der unter Matthias Glasner im Vergewaltigungsfilm Der freie Wille in Zerrissenheit und Vielschichtigkeit glänzen durfte, muss in Blochin wie die Axt im Wald auf seinem Motorrad durch Berlin und seine Beziehung heizen, er muss Leute vor den Kopf stoßen und als selbsternannter Retter immer zur Stelle sein. Geht es um ein Kind, muss er Nicolas-Cage-Sätze sagen wie: "Ich muss es finden, bevor irgendwer ihm was antut!"

Überhaupt der Holzschnitt. Es ist dem Piloten anzumerken, dass zunächst alle Handlung auf 90 Minuten angelegt war, die erste halbe Stunde kommt mit Sätzen wie "Wieder mal ein Alleingang von Blochin? Pass auf deinen Schwager auf!" daher wie ein Erklärstück für Derrick-Zuschauer.

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Jürgen Vogel hat, so der Eindruck, wenn man ihn als Blochin agieren sieht, mit der Serie seinen mal geäußerten Traum vom Actionfilm verwirklicht. "Nein", sagt er und lacht sein schönes offenes Lachen, das noch mal deutlich macht, dass zahnärztliche Gleichmacherei keine Lösung fürs Charakterfach ist. "Als ich das sagte, habe ich gemeint, dass ich wahnsinnig gern mal was drehen würde, wo viel gekämpft wird." Filme wie Jason Stathams Transporter fallen ihm als Beispiel ein oder Söldnerfilme. "Ich stelle mir die Dreharbeiten sehr spaßig vor."

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Während der Spaß, seine jahrzehntelang erlernte Kampfkunst vor der Kamera zeigen zu können, warten muss, hält die Rolle des Blochin ganz andere Herausforderungen bereit: "Bei so einer Serie wird alles durcheinander gedreht, von Motiv zu Motiv, nicht von Inhalt zu Inhalt", erklärt Jürgen Vogel. "Du musst dir die Figur vorher komplett überlegt haben und jede entsprechende Emotion merken. Das ist echt ne Herausforderung!"