Bild, Guttenberg und die Plagiatsaffäre Schön: Meinungsvielfalt bei Bild

"87 Prozent der Bild-Leser stehen zu Guttenberg" - Tatsächlich? Eine Umfrage von Bild.de kommt zu einem ganz anderen Ergebnis. Was also tun, wenn die eigenen Leser so diffuser Meinung sind? Dann muss irgendeiner irgendwo draufdrücken. Oder so.

Von Lena Jakat

Der Doktortitel ist zwar weg. Die Beliebtheit Guttenbergs bleibt. Nein, sie steigt sogar: "Ja, wir stehen zu Guttenberg - 87 Prozent Ja-Stimmen beim Bild-Entscheid", prangt in großen Lettern auf der Startseite von Bild.de. Doch nun könnte die Plagiatsaffäre für Deutschlands größtes Boulevardblatt zum Problem werden. In der Vergangenheit hatte sich die Bild-Zeitung deutlich hinter Guttenberg und seine Gattin gestellt. Sie titelte: "Die finden wir Gutt!" Oder: "Minister Liebling im Sturm". Und am Freitag schließlich: "Gut! Guttenberg bleibt".

Dabei ist die Meinung der Online-Leser des Blatts am Donnerstagnachmittag eine ganz andere: Guttenberg sollte zurücktreten. Dafür sprachen sich 55 Prozent in einer Online-Umfrage aus, nur 36 Prozent finden, dass er "seinen Job gut" macht. Diese Umfrage aber findet nur, wer sich tief in die Seite klickt. Auf der Startseite ist davon nichts zu finden. Dort erscheinen nur die 87 Prozent, die sich für Guttenberg aussprechen. Was also passiert, wenn die eigenen Leser diffuser Meinung sind? Dann wird eben weiter gefragt.

Am Mittwoch rief das Blatt seine Leser dazu auf, per gebührenpflichtigem Fax- oder Telefonvoting in der Causa Guttenberg abzustimmen. 261.223 Leser kamen der Aufforderung angeblich nach - und sprachen sich in den allermeisten Fällen dafür aus, dass Guttenberg im Amt bleibt. Die heutige Ausgabe ist tapeziert mit Statements von Umfrageteilnehmern, die nach Konzernangabe bei der Abstimmung aufgezeichnet wurden.

Manche sind farbig hervorgehoben: "Guttenbergs Doktorarbeit hat mit seiner politischen Arbeit nichts zu tun, deswegen muss er Minister bleiben." Oder: "Der beste, fähigste und beliebteste Politiker Deutschlands darf nicht durch eine Schmutzkampagne zum Rücktritt gezwungen werden." Und schon stimmt die Meinung der Leser wieder.

"Diese Umfrage ist aktueller", sagt Tobias Fröhlich, Sprecher des Blattes. "Außerdem ist sie von ganz anderer Qualität." Ein Online-Voting sei schneller und einfacher, auch einfacher zu manipulieren. "Das ist etwas anderes, als wenn Leute den Telefonhörer in die Hand nehmen. Die haben etwas zu sagen." Deswegen, so der Sprecher, seien beide Umfragen voneinander getrennt dargestellt worden. "Wir befinden uns auch in guter Gesellschaft. Die Umfragen kommen ja alle zu einem ähnlichen Ergebnis", sagt Fröhlich unter Anspielung auf eine Umfrage im Auftrag der ARD-Sendung Hart aber fair, wonach 73 Prozent der Deutschen mit Guttenbergs politischer Arbeit zufrieden sind. Fünf Prozentpunkte mehr als zu Monatsbeginn.

Surfen auf der PR-Welle

Ganz Deutschland steht also hinter Guttenberg? Nun ja, nicht ganz. Die Umfrage der Bild-Zeitung ist jedenfalls keineswegs repräsentativ: Ein Fax oder ein Anruf bei der Voting-Hotline kostete den Bild-Leser 14 Cent, aus dem Mobilfunknetz waren die Anrufe "deutlich teurer". Bei gut einer Viertelmillion Anrufe kann da eine Menge Geld zusammenkommen. Der Konzern versichert jedoch, nichts an der Call-in-Aktion verdient zu haben. Die Einnahmen würden lediglich dazu verwendet, die Telefonumfrage durchzuführen, sagt der Sprecher.

Die Sache mit den gegenläufigen Umfrageergebnissen und der teuren Hotline ist nicht die einzige Angelegenheit, in deren Zusammenhang die Netzgemeinde die Bild-Zeitung scharf angreift: Der renommierte Polit-Blog Spiegelfechter stellt einen Zusammenhang zwischen dem Blatt und Tobias Huch her. Der Medienunternehmer Huch gründete am Freitag die Fan-Seite "Gegen die Jagd auf Karl-Theodor zu Guttenberg" im sozialen Netzwerk Facebook. Die Zahl der Unterstützer ist seither rasant angewachsen - von einigen hundert auf knapp 280.000 am Donnerstag. Bild verlinkt auf Huchs Fan-Seite, Huch verlinkt auf Bild. Blogger vermuten dahinter unlautere Zusammenarbeit, zumal der "Internet-Guru", wie Bild Tobias Huch nennt, bereits in der Vergangenheit dem Blatt behilflich war: Als ein Porträt von Andrea Ypsilanti auf einer Porno-Webseite auftauchte, half Huch dabei, den Betreiber ausfindig zu machen.

Huch weist derweil die Vorwürfe von sich: "Ich habe von Bild noch nie Geld bekommen", sagt er. Vergleichbares habe er auch für andere Medienhäuser getan. Gemeinsam mit dem Magazin Der Spiegel hatte der Mainzer 2008 den Skandal um Kundendaten bei T-Mobile mit aufgedeckt. Daher wohl auch die weiteren Beinamen, welche die Bild-Zeitung ihm gibt, die "IT-Legende" etwa oder auch "Datenschützer".

Eine Zusammenarbeit mit dem Blatt gebe es nicht, sagt Huch. Die Verlinkung mache aber die "PR-Welle größer". Er freue sich über die Aufmerksamkeit - die ihm täglich zwischen 40.000 und 50.000 neue Fans beschert. "Ich finde das witzig."

Die Bild-Zeitung hat unterdessen angekündigt, bald auch die Auswertung der Briefantworten zur Guttenberg-Umfrage zu veröffentlichen. Mal sehen, was dabei rauskommt.