Berlin-Tatort "Machtlos" Wer die Stille erträgt

Edgar Selge (links), Boris Aljinovic, Jakob Walser und Dominic Raacke posieren bei Dreharbeiten zum rbb-Tatort "Machtlos" im März 2012 in Berlin. 

(Foto: dpa)

Nichts fliegt in die Luft, niemand macht schlechte Witze, nicht mal ein halbnacktes Mädchen tritt auf - schon wieder wird ein "Tatort" Traditionalisten da draußen schwer im Bauch liegen. Die Berliner Kommissare suchen einfach den neunjährigen Benjamin.

Von Holger Gertz

Nach dem wunderbaren Münchner Tatort neulich liefert jetzt auch der RBB einen Krimi, der den Traditionalisten da draußen schwer im Bauch liegen wird. In der Episode "Machtlos" fliegt nichts in die Luft, keiner der Kommissare hat schon mal was mit einer Verdächtigen gehabt, niemand macht schlechte Witze, nicht mal ein halbnacktes Mädchen tritt auf, über das die Bild dann zu Wochenbeginn säftelnd berichten könnte. Entführt worden ist Benjamin, neunjähriger Sohn reicher Eltern. Der Entführer wird bei der Lösegeldübergabe - Treffpunkt Weltzeituhr - auf dem Alex festgenommen, wo er das Geld an die Passanten verteilt. Aber er verrät nicht, wo Benjamin ist. Er will weitere zehn Millionen und freies Geleit, sonst verdurstet das Kind.

Der tickende Countdown ist die Hintergrundmelodie der Episode, im Vordergrund wird geredet, gefragt, gelogen, geblufft. Die Handlung besteht - sehr ungewöhnlich - fast nur aus Gesprächen der Kommissare, mit den Eltern des Entführten, mit Bekannten des Entführers, immer wieder mit dem Entführer selbst. Verhörzimmer, ein Tisch, drei Stühle, eine Lampe. "Wo ist Benjamin?", fragt der vogelgesichtige Kommissar Stark (Boris Aljinovic). "Wo ist Benjamin?" fragt der zweitagebärtige Kommissar Ritter (Dominic Raacke). "Entführt", sagt der Entführer, gespielt von einem mephistophelischen Edgar Selge im schwarzen Rollkragenpullover. Verbrecher und Moralist zugleich, halb Opfer, halb Täter. "Lassen Sie Benjamin frei, bevor es zu spät ist", sagt Stark. "Nein", sagt der Entführer. Also noch mal: Wo ist Benjamin?

Geräusche sind wichtig in dieser Geschichte. Das Ticken der Uhr. Schritte auf dem Parkett. Das leise Kratzen der Gabel auf dem Teller. Der Klang der Stimmen: Aljinovics erstaunliche Stimme zum Beispiel kann streicheln und nagen zugleich. Gemeinsam mit Raacke nimmt er den herrlichen Selge wieder und wieder ins Gebet, es fühlt sich an, als wollten sie mit der Kraft ihrer Worte eine Mauer zum Einsturz bringen. In großen Momenten erinnert dieses leise Kammerspiel an Götz George und Jürgen Hentsch im Totmacher, zu den schwächeren Momenten gehört der Regieeinfall, aus dem persönlichen Motiv des Täters ein politisches werden zu lassen.

Trotzdem: ein sehr mutiger Tatort ist das. Wer Klamauk und Krach mag, wird nicht dabeibleiben. Wer die Stille erträgt, wird die Stille genießen.

ARD, Sonntag, 20.15