Bambi-Verleihung 2012 Sag mir, wo die Helden sind

Düsseldorf ist nicht Hollywood. Da hilft es auch nicht, Schauspielerin Salma Hayek einzufliegen oder Extremsportler Felix Baumgartner als Helden zu feiern. Die 64. Bambi-Verleihung zeigt einmal mehr: Die deutsche Medienbranche ist sich ihrer selbst nicht sicher. Da hilft nur Pathos.

Eine TV-Kritik von Friederike Zoe Grasshoff

Kai Pflaume ist kein Mann für Endzeitstimmung. Grinsend versucht er es trotzdem, Spannung stellt sich auf dem angeblich "wichtigsten Medienpreis Deutschlands" schließlich nicht von selbst ein. Bevor es in einem Monat zu spät sein könnte, bemüht er am Donnerstagabend noch mal schnell den vielzitierten Maya-Kalender. Und der besagt, dass im Dezember 2012 die Welt untergeht. Pflaumes Interpretation: Der Zuschauer sollte die 64. Bambi-Preisverleihung genießen - es könnte ja die letzte sein.

Diese Metapher ist so vorhersehbar wie die ganze Veranstaltung. Initiiert vom Konzern "Hubert Burda Media", tut die deutsche Medienbranche in der Düsseldorfer Stadthalle so, als sei sie bereits auf dem "Walk of Fame" verewigt worden. Es soll der "glanzvollste Abend des Jahres" werden, ein Abend mit "Helden von heute" und "wahren Legenden", wie die Off-Stimme während der TV-Übertragung aufgekratzt verkündet.

Doch was folgt, ist eine lieblose Aneinanderreihung von Preisvergaben, die zum großen Teil vor allem eines sind: beliebig.

Die Neunziger sind vorbei

Ein Beispiel: Miss Bambi tritt auf die Bühne, "das wahrscheinlich glücklichste Mädchen der Welt". Die unter vielen Tausend ausgewählte Jugendliche darf den Preis in der Kategorie "Pop International" an fünf andere Teenager vergeben. An hübsche Hipster, die in engen Hosen und zu großen Turnschuhen auf der Bühne stehen und ihre Jugend besingen. Von "crazy", "girl" und "ohohohoh" ist da die Rede, parallel dazu flackern Neon-Farben über die Bühne. Die Gäste sollen wohl für drei Minuten zurück in die neunziger Jahre reisen, jene Zeit, in der es der deutschen Medienbranche noch besser ging. Die Neunziger aber sind vorbei - und da vorne steht auch nicht Take That, sondern die britisch-irische Boygroup One Direction, die viele Zuschauer und geladene Gäste wahrscheinlich gar nicht kennen.

An Céline Dion erinnert man sich immerhin, wenn auch eher dunkel. Als die Titanic in James Camerons gleichnamigem Kinofilm unterging, sang sie "My heart will go on". Sie bekommt den Bambi für das beste "Entertainment" von einem ziemlich emotionslosen Peter Maffay überreicht, der den Eindruck macht, als wolle er schnell wieder nach Hause. Irgendwie verständlich, bei den langweiligen Einspielfilmchen und so manchem Star, den man erst einmal googeln muss, bevor sich einem dessen Prominenz erschließt.

Helden verzweifelt gesucht

Volks-Rock-'n'-Roller Andreas Gabalie ist so ein prominenter Grenzfall. Immerhin langweilt er nicht. Es ist ein Genuss, dem österreichischen Bambi-"Shootingstar" mit Elvis-Tolle und Lederhosen dabei zuzusehen, wie er vor einer animierten Alpenlandschaft "ein Lied für di" singt und so die steife Atmosphäre in der Stadthalle etwas auflockert. Der Mann ist ein Unikat, aber keine Legende. Und auch kein Held.

In Krisenzeiten wie diesen ist die Sehnsucht nach Helden aber groß. Deswegen gewinnt Extremsportler Felix Baumgartner den "Millennium-Bambi", für seinen Sprung aus der Stratosphäre. Die Welt hat er damit zwar nicht verändert, aber immerhin hat er ein paar Rekorde gebrochen. Damit steht Baumgartner nun in einer Reihe mit Helmut Kohl, Hans-Dietrich Genscher und Helmut Schmidt, die dem "Millennium-Bambi" ebenfalls schon bekommen haben.

Ob die Bambi-Jury damit den Stratosphären-Sprung ähnlich wichtig bewerten will wie die deutsche Einheit bleibt im Unklaren, das Einspielfilmchen erklärt immerhin: Baumgartners Sprung aus 39 Kilometern Höhe sei "eine Mission, die die Welt in Atem" gehalten habe. Der Extremsportler bedankt sich artig und sagt, dass er jetzt "genauso aufgeregt" sei wie bei dem Sprung.

Steif, unecht, abgeklärt

Die Stimmung bleibt trotz Gabalie und Baumgartner steif und abgeklärt. Im Publikum lächelt Schauspielerin Maria Furtwängler, Ehefrau von Hubert Burda, stoisch vor sich hin, Oliver Pocher macht Bilder mit seinem iPhone, Moderatorin Collien Fernandes klebt an ihrem Mann Christian Ulmen.

Dann wird der Bambi für "Engagement gegen Gewalt" verliehen, an die Schwester von Johnny K., der nach einer Prügelattacke am Berliner Alexanderplatz starb. Tina K. ist eine attraktive junge Frau, aufrecht tritt sie vor das Publikum und sagt: "Liebt euch gegenseitig, umarmt euch, egal wo ihr herkommt." Im Gegensatz zu den meisten Prominenten, die entweder routiniert Preise verleihen oder sie routiniert entgegennehmen, wirkt sie authentisch.

Womit wir beim eigentlichen Problem des Schickeria-Events angelangt wären: Fast alles, was hier geschieht, wirkt aufgesetzt, eitel und einstudiert. Egal, ob Johannes B. Kerner eine Laudatio auf die "Stillen Helden" hält oder Blacky Fuchsberger seinen guten Freund Hubert Burda für dessen Imperium lobt - was fehlt, ist Mut. Die Show offenbart, dass die deutsche Medienbranche zutiefst verunsichert ist - und sich insgeheim selbst nicht für voll nimmt. Wieso lädt man sonst Salma Hayek ein und nutzt sie als Aushängeschild für einen deutschen Medienpreis? Warum muss immer wieder betont werden, dass es sich hier um den - Achtung! - "wichtigsten deutschen Medienpreis" handelt?

Es ist ja nicht so, als ob hier gar keine herausragenden Künstler sitzen würden. Komödiantin Martina Hill und Schauspieler Ulrich Tukur sind Beweis dafür, dass sich Teile der deutschen Medienlandschaft nicht hinter einer Salma Hayek verstecken müssen.

Falls Moderator Kai Pflaume aber doch recht behalten sollte und diese dreieinhalbstündige, ermüdende und phantasielose Bambi-Verleihung nun die letzte war: Auch nicht tragisch.