Aus für das "Seite-1-Girl" "Bild" der Frau

Das Mädchen von Seite eins verschwindet. Mit dieser Entscheidung will die "Bild"-Zeitung auch ein Zeichen für die Frauenrechte setzen. Nicht nur damit beweisen die Herren der Redaktion in der heutigen Ausgabe: Sie haben rein gar nichts verstanden.

Eine Empörung von Lena Jakat

Es gibt Länder, in denen dürfen Frauen nicht Autofahren, nicht zur Schule gehen, werden zwangsverheiratet und straflos vergewaltigt. Und es gibt Länder wie Deutschland, da dürfen Frauen arbeiten, Alkohol trinken, so viele Schuhe kaufen wie der schüchterne Junge vom Online-Versand schleppen kann. Und da dürfen sich Frauen auch öffentlich ausziehen, wenn sie wollen, auf der ersten Seite der Bild-Zeitung zum Beispiel.

Zumindest war das bis heute so. Denn in einer Geste grenzenloser Großherzigkeit haben die männlichen Redakteure der Bild-Zeitung, die einzig wahren Ritter der Frauenrechte, dafür gesorgt, dass sich die Mädchen von Seite eins zukünftig einen anständigen Job suchen können, statt sich freiwillig als Lustobjekt inszenieren zu müssen. Danke, liebe Kollegen, dass ihr diesen Frauen endlich, nach 28 Jahren und mehr als 5000 "Seite-1-Girls", den Weg zurück in die Rechtschaffenheit aufzeigt und eurer weiblichen Leserschaft den verderblichen Anblick dieser liederlichen Luder erspart. Ihr rettet damit nicht nur unsere Würde, sondern auch die Seelen unschuldiger Kinder, die am Kiosk doch eigentlich nur Gummischlangen kaufen wollen.

Sie dachten, um die Chancengleichheit von Frauen und Männern zu befördern, bräuchte es eine Debatte um Frauenquote, Kinderbetreuung und Flexibilisierung von Arbeitszeiten? Ach was! Das wissen wir jetzt dank Deutschlands auflagenstärkster Tageszeitung. Zum Weltfrauentag nahm sich die Bild-Zeitung die ganze Problematik mal vor. Mit dem Ergebnis: Es ist doch alles ganz einfach.

In einem Akt pompöser Selbstinszenierung, wie sie nicht einmal unser früherer Verteidigungsminister besser hinbekommen hätte, verzichtete die gesamte Redaktion am internationalen Weltfrauentag auf ihre weiblichen Kollegen - unter welchen Schmerzen: "Nur ein Redakteur, kein Sekretariat", klagt etwa Attila Albert aus der Redaktion Leben&Wissen auf bild.de. "Alle Texte selbst schreiben und bearbeiten, dazwischen Leseranrufe entgegennehmen, Briefe öffnen, Zeitungen abheften." "Ich war TOTAL überfordert", klagt Fotochef Thorsten Fleischhauer, der gleich auf 14 Kolleginnen verzichten musste. "Silke, Saskia, Heidi ... ich vermisse euch!!! PS: Wo schaltet man eigentlich den Farbkopierer an?". Und Ulrich Becker aus der Chefredaktion trauert einem Wirtschaftskommentar hinterher, der nicht entstanden ist, weil die kompetente Kollegin fehlte - und bedauert den Zalando-Jungen: "Mittags kommt der Bote. Er hat drei Pakete eines Schuhversands dabei - und nimmt sie wieder mit. Die Empfänger sind heute nicht da..."

Herzchen und Kuschel-Erotik

Wen schon am Donnerstag der ganz, ganz leise Verdacht beschlich, die Herren haben mit Live-Ticker und Video-Clips aus der frauenfreien Redaktion möglicherweise ein bisschen zu dick aufgetragen, der hatte erst einen milden Vorgeschmack darauf bekommen, was ihn in der heutigen Ausgabe der Bild-Zeitung erwartete. Auch wenn wir mit diesem Artikel den gewünschten PR-Erfolg der ganzen Frauentags-Aktion zusätzlich befördern: Diese Ausgabe kann man schlicht nicht unkommentiert lassen.

Von Seite eins ("Bild-schafft-Seite-1-Girl ab") bis Seite 22 ("Meine erste Nacht als Bild-Reporterin") - ein Frauenversteher-Text nach dem anderen. Von den beiden Gewinnerinnen auf der ersten Seite, wo sich sonst Verlierer und Gewinner gegenüberstehen, über "Endlich! Erste Frau für den BMW-Vorstand" und "Mit Bild zum Frauenschwarm Peter Kraus!" bis hin zu "Erotik geht auch ohne Schmuddel" und "50 Fakten über Frauen, die wirklich stimmen".

Die Männer mit den dunklen Anzügen und den gegelten Haaren haben verstanden, worum es uns Frauen wirklich geht: Wir lieben mit Herzchen hinterlegte Seitenzahlen und finden Pornos nur gut, wenn die Darstellerin verheiratet ist. Vielen Dank für so viel Anerkennung! Eigentlich wussten wir schon immer, wie gut uns Bild versteht. Spätestens seit sie uns Frauen Anfang Februar erklärt hat, was beim Blowjob unbedingt zu vermeiden ist.

Am höchsten ist euch allerdings der Verzicht auf das Mädchen von Seite eins anzurechnen, das ihr mit wirklich väterlich-liebevoller Post von Wagner und einem länglichen Abgesang verabschiedet. Aber halt! Es ist ja eigentlich gar kein richtiger Abschied, ist da zu lesen. Das Mädchen verschwindet nur ins Innere der Zeitung. Das wäre sonst wirklich zu viel der Aufopferung gewesen. Denn Frauen stehen schließlich auf echte Kerle. Aber das wisst ihr ja.

Ich weiß, wie man einen Farbkopierer einschaltet und Schuhe im Internet bestellt. Und ich glaube, liebe Kollegen, ihr habt da was falsch verstanden. Gleichberechtigung bedeutet nämlich nicht, dass Männer für einen Tag den Softie geben und rote Herzchen in die Zeitung klatschen. Gleichberechtigung, egal, ob zwischen Frauen und Männern oder anderen gesellschaftlichen Gruppen, setzt voraus, einander mit Respekt zu begegnen. Respekt brachtet ihr bislang vor allem Dingen wie dem Brustumfang von Bild-Sternchen Yoga-Jordan entgegen. Diese Frauenfrei-Aktion hat jedoch damit nicht das Geringste zu tun.

Bitte, liebe Kollegen, lasst diese Heuchelei und schreibt wieder über Titten und Pornos. Das nehmen wir euch wenigstens ab.