ARD-Wahlarena mit Merkel Umringt von forschen Wählern

Die ARD zeigt der Konkurrenz, wie eine richtig gute Sendung zur Bundestagswahl geht: ohne Firlefanz, aber mit 150 klug nachfragenden Wählern, die Kanzlerin Merkel in Bedrängnis bringen. Beim Thema Leiharbeit, vor allem bei der Homo-Ehe. Für Steinbrück tut sich womöglich eine große Chance auf.

Von Michael König, Berlin

Es stand Schlimmes zu befürchten. Wieder eine Sendung, in der Wähler ihre Fragen an Kanzlerin Angela Merkel richten dürfen. RTL hatte so etwas versucht und war gescheitert. "Meine Wahl" mit Peter Kloeppel war die vielleicht schlechteste TV-Sendung dieses Bundestagswahlkampfes. Fernsehen zum Fremdschämen.

Und nun das: die "Wahlarena" in der ARD, am Montag zur besten Sendezeit. Untertitel: "Zuschauer fragen Angela Merkel". Ein ähnlicher Ansatz wie bei RTL, aber ein riesiger Unterschied in der Umsetzung. Um das Fazit vorwegzunehmen: eine tolle Sendung. Eine Sendung, auf deren zweite Ausgabe am Mittwoch man gespannt sein darf. So simpel, so reduziert, so öffentlich-rechtlich im besten Sinne.

150 Menschen sitzen da in einem Studio in Mönchengladbach, die Kanzlerin an einem Stehtisch in der Mitte. Kein Firlefanz, keine Wohnzimmer-Deko, wie RTL sie aufgefahren hatte. Zwei Moderatoren, Andreas Cichowicz und Jörg Schönenborn, die nur dadurch in Erscheinung treten, dass sie die Mikrofon-Träger an die richtigen Stellen beordern. Das Wort hat: der Wähler.

Es wird nachgehakt

Bei RTL war Merkel verhätschelt worden. "Kochen Sie mit mir Kartoffelsuppe?" oder "Würden Sie meinem Kleinen ein Lied singen?", solche Fragen. Die Menschen im ARD-Studio halten sich damit nicht auf. Es geht um die Frauenquote, um Leiharbeit, um Scheinwerkverträge, später auch um die Homo-Ehe. Kaum ein Fragesteller, der nicht um eine konkrete Antwort bittet. Wenn die nicht kommt, wird nachgehakt. Für Merkel keine leichte Situation. Auch, weil die Fragen aus dem - laut ARD repräsentativ ausgewählten - Publikum einen gewissen Linksdrall erkennen lassen.

Da berichtet ein Student von seinem Praktikum beim Deutschen Gewerkschaftsbund. Er habe dort recherchiert: über verdeckte Leiharbeit, über Scheinwerkverträge, über Scheinselbstständige, die - etwa auf Schlachthöfen - in unmenschlichen Behausungen leben müssten. Merkel geht darauf ein: Ja, solche Zustände gebe es. "Da hätten Unterkunftsgenehmigungen gar nicht erteilt werden dürfen." Da werde jetzt stärker kontrolliert. Aber auch die Gewerkschaften stünden in der Pflicht ... Der Student geht dazwischen: Die Beschäftigten seien gewerkschaftlich nicht organisiert, keine Chance. Merkel: "Ich würde nicht sagen, das geht nicht, denn wo ich mich auskenne, da geht das. Aber ich gucke mir Ihre Recherche an."

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Eine Schülerin entlockt der Kanzlerin die Aussage, E-Mails seien sicher, "wenn deutsche Server nicht verlassen werden". Das ist in der Praxis kaum zu gewährleisten, selbst dann nicht, wenn Sender und Empfänger deutsche E-Mail-Dienste benutzen.

Oder der Leiharbeiter aus Leipzig: Er habe ja nichts gegen Leiharbeit, aber er mache das jetzt seit zehn Jahren. 500 Menschen in seinem Unternehmen seien Leiharbeiter, nur 30 bis 40 gehörten zur Stammbelegschaft. Merkel wirkt ungläubig, stellt Rückfragen. CDU und CSU sind grundsätzlich für Leiharbeit. Sie gehöre "seit langem zum Arbeitsmarkt", heißt es im Regierungsprogramm. Sie biete Chancen für Unternehmen, dürfe aber nicht missbraucht werden. "Die Unternehmen und Betriebe stehen hier in der Verantwortung." Und die Politik? Das will der Mann jetzt wissen.

Merkel sagt: "Wir sind uns einig, 'ne Leiharbeit ist besser als keine Arbeit zu haben. Aber so" - über einen Zeitraum von zehn Jahren - "ist das eigentlich nicht gedacht. Das muss ein besonders krasser Fall sein. Ich schaue mir das an und melde mich nochmal bei Ihnen."