Schoko, Erdbeer, Vanille: Sanft schmilzt dieser Tage oft das Milchspeiseeis auf den Zungen. Sahne? Die ist im Eis oft kaum noch zu finden.
Er ist nicht nur Eisfabrikant, er ist auch Eisfan. Schon morgens um fünf prüft Gerd Hoven das kühle Produkt seiner Maschinen, er liebt den buttrig-vollen Geschmack von traditionellem Eis. Und deshalb sagt er: "Es ist schon traurig, was da passiert." Denn die Zeiten, in denen Eis aus Milch mit reichlich Sahne oder Butter gemacht wurde, sind für viele Hersteller schon Vergangenheit.
Der Laie schmeckt es kaum, aber in vielen Eissorten ist kaum noch Sahne drin. (© Foto: ddp)
Anzeige
"Ich mache das eigentlich nicht gern", sagt Hoven, doch manche Kunden wollten das so. Also ersetzt auch er in einigen Sorten die Butter durch billiges Pflanzenfett. Natürlich schmecke man den Unterschied, sagt Hoven. "Aber dann geben sie eben ein bisschen Butteraroma dazu." Und die Illusion ist perfekt.
Der Chef der Alterwest-Eisfabrik in Hessen ist einer der wenigen, der offen ausspricht, was hinter dem Trend zum Pflanzenfett steckt: "Das ist eigentlich nur der Preis."
Butter ist teuer
Bis zu 40 Prozent billiger werde es, wenn man auf Butter verzichte. Nur hat der Eisliebhaber Hoven dabei ein schlechtes Gefühl: "Das rächt sich irgendwann", befürchtet er, "irgendwann werden die Kunden wach". Günstiges Palm- oder Kokosfett findet sich keineswegs allein in Hovens Eis, das er an Restaurants und Supermarktketten liefert.
Nahezu alle großen Hersteller in Deutschland verwenden es mittlerweile, heißt es beim Branchenverband, auch die Produzenten bekannter Marken. Langnese hat in seinem viel beworbenen Cremissimo-Eis das Milchfett zum großen Teil durch Kokosfett ersetzt. Und Konkurrent Mövenpick bekam im vergangenen Jahr sogar einen erbosten Brief von Gerd Sonnleitner. Der Präsident des Bauernverbands beklagte sich darüber, dass im sogenannten Premium-Eis mit dem verlockenden Namen "Erdbeer Sahne" gerade noch ein Prozent echte Sahne zu finden war - auf der Verpackung prangte trotzdem ein hübsches Sahnehäubchen.
Eis statt Eiscreme
Manche Hersteller würden ihre veränderten Rezepturen durch irreführende Sprüche kaschieren, klagen Verbraucherschützer. "Mit Sahne verfeinert", ist dann zum Beispiel auf der Packung zu lesen. Die Fachleute raten den Kunden, die Angaben auf den Bechern genau zu studieren. Wer das tut, findet in der Kühltruhe immer seltener das Wort "Eiscreme", dafür immer häufiger schlicht "Eis". Den Unterschied kennen die wenigsten: Eiscreme muss laut Vorschrift mindestens zehn Prozent Milchfett enthalten. Beim Eis kann es auch Pflanzenfett sein.
Die Hersteller geben sich gelassen. Es sei immer noch viel an Milch oder "Molkenerzeugnissen" im Eis, heißt es beim Mövenpick-Mutterkonzern Nestlé. Und Langnese preist das Kokosfett als "geschmacklich neutral". Deshalb sei der "individuelle Geschmack der jeweiligen Sorte prägnanter schmeckbar". Außerdem enthalte es weniger Cholesterin.
Chemie gegen Cholesterin
Derlei Lobreden auf das Kokosfett bringen den Lebensmittelchemiker und Autor Udo Pollmer auf die Palme. Milchfett sei verträglicher für den Menschen, sagt er. Und generell würden wertvolle Zutaten immer öfter wegen angeblicher Gesundheitsrisiken durch fragwürdige Stoffe ersetzt. Für modernes Industrie-Eis hat er vor allem Spott übrig. Er nennt es einen "Mix aus chemisch hochinteressanten Zutaten, die im gefrorenen Zustand im Mund einen sahnigen Gefühlsausdruck auslösen".
Vor der Frankfurter Eisdiele von Corrado Spadotto stehen in diesen Tagen lange Schlangen. "Das Eis muss zuerst mir schmecken", sagt der Chef. Dann geht er in seine Küche und zieht eine Schublade auf: Ein Berg aus goldenen Butterpäckchen liegt darin.
Im einst stabilen und friedlichen Staat Mali errichten Islamisten, Separatisten und Terroristen das Afghanistan Afrikas. Seite 3 Jetzt lesen ...
- Thema
- Lebensmittelkennzeichnung RSS
- Verbraucherrechte beim Surfen Was die Werbung darf 26.04.2010
- Negativpreis für Werbelügen Dreist, dreister, Zott 23.04.2010
- Verbraucherschutz Abzocke in der Muckibude 31.03.2010
- Lebensmittelkennzeichnung Rot für die Ampel 16.03.2010
- Lebensmittelkennzeichnung Für die Ampel wird es knapp 15.03.2010
- Verbraucherschutz Getarnte Dickmacher 15.09.2009
(SZ vom 30.04.2010/leja)
Voreiliges Buch "Der Pott ist dahoam"
Übrigens werden für die Produktion von billigem Palmfett ökologisch wertvolle Regenwälder ziemlich unkontrolliert abgeholzt. (Nachzulesen bei Greenpeace.) Aber so wirklich interessiert das die Abnehmer wohl nicht...
Die Kommentare haben viele Probleme, die mit der industriell verarbeiteter Nahrung entstehen, angesprochen: Zerstoerung von Ressourcen, keine artgerechte Tierhaltung etc.
Unsere Gesellschaft ist dabei, sich in grob 2 neue Klassen aufspalten: diejenigen, die ueber genug Bildung und vor alllem VIEL Geld verfuegen, um sich richtig und gesund zu ernaehren und diejenigen, denen das aufgrund von mangelnder Bildung, aber vor allem aufgrund von ZUWENIG Geld versagt bleibt, worunter die Gesundheit der zweiten Gruppe auf Dauer leiden wird. Wenn Trinkwasser, so wie Nestle das gerne moechte, privatisiert wird, werden die Auswirkungen dieser Entwicklung sogar noch schlimmer sein.
So wenig wie der gemeine Deutsche auf Lebensmittelqualität achtet, so lächerlich ist (leider) einmal wieder die Verbraucherzentrale: wenn drauf steht "mit Sahne VERFEINERT" dann bedeutet das genau das, was auch passiert.
Jeder, der sich auch nur ein bisschen in der Küche auskennt, weiß, dass wenn ein Rezept am Schluss noch den Passus "ggf. mit Sahne/Crème Fraîche/Sauerrahm/etc. VERFEINERN" steht, dass damit ein, zwei Esslöfel und nicht ein halber Liter gemeint ist.
Deutschen-Bashing ist ja hier in zahlreichen Postings mal wieder sehr beliebt.
Ja, es ist ein Skandal, das Eis hier aus Marketinggründen falsch etikettiert werden darf.
Aber angesichts der Tatsache, das hier viele Deutsche über "die unbewussten, billig konsumierenden Deutschen" schreiben und der Artikel aktuell auf Platz 1 in der Top 10 der meist-verschickten Beiträge ist, wage ich mal zu behaupten, das nirgendwo die Nahrungsmittel-Gesundfutter-Hysterie so gross ist wie in Deutschland.
ihr zitat:
"Es gibt sie die Leute, die bewusst einkaufen:"
also ich kaufe niemals unbewusst ein!!!
Paging