Unicef, Arche, Save the Children: Alle legen sich für die Kinder ins Zeug. Theoretisch müsste die heutige Welt also ein Eldorado für Heranwachsende sein. Theoretisch.
Am Wiener Burgtheater feierte dieser Tage eine Neuinszenierung des "Struwwelpeter" Premiere. Struwwelpeter? Das ist doch das Kinderbuch, in dem ein ungehorsames Mädchen namens Paulinchen verbrennt und ein durchgeknallter Schneider dem Daumenlutscher Konrad den Finger abschneidet. Am Burgtheater hingegen zieht das Paulinchen lediglich seine Ballettschuhe aus und legt sich auf ein Aschehäuflein. Der Schneider ist nichts anderes als ein harmloser Schattenriss. Kein Blut, kein Horror, kein Skandal. Der Regisseur, schrieb der Wiener Standard, nehme in seiner Inszenierung "die Kinder in Schutz". Sein "Struwwelpeter" sei vor allem ein "Abrechnungsabend mit den Eltern".
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Früher wurden Kinder als kleine Erwachsene gesehen: So soll der spätere Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1861 ausgesehen haben. Da war er zwei Jahre alt. (© Foto: Getty Images)
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Nicht dass der Regisseur da was missverstanden hätte. Seine Inszenierung liegt voll im Trend. Kinder sind heutzutage alles. Und nicht nur ihre Eltern müssen sich zurücknehmen.
Glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, da der kleine Moses mutterseelenallein im Nil trieb, Gott Kronos seinen Sohn Zeus verspeisen wollte und allein eine Wölfin sich der Buben Romulus und Remus erbarmte. Heute wird schon während der Schwangerschaftsgymnastik über den neuen Bericht zur Kinderarmut diskutiert, in der Garderobe der Krabbelgruppe geht es um die aktuellen Geburtenzahlen im Lande. Auch vor dem Kindergarten stehen Eltern und reden, ob es die "Kevins" und "Chantals" später in der Schule besonders schwer haben könnten, wie eine Studie behauptet, und was man als Eltern dagegen tun kann.
Aristoteles nannte Heranwachsende: unschöne Zwerge.
Wurden Kinder zu seiner Zeit in der Kunst thematisiert, so wirkten ihre Körper oft merkwürdig proportioniert, ihre Gesichter rätselhaft unkindlich. Heute sagt jedes Kind im Fotostudio dreimal laut "Grießbrei", damit es später auf dem Bild so richtig fröhlich aussieht.
Kinder, eine sichere Bank
Nie zuvor in der Geschichte der Menschheit bekamen Kinder mehr Aufmerksamkeit geschenkt, hatten mehr Rechte und mehr Fürsprecher als heute. Eltern und Heranwachsende stehen sich gleichsam auf Augenhöhe gegenüber. Allein in Deutschland befassen sich mehr als 150 Fachzeitschriften mit dem Komplex Kinder, Erziehung und Familie, fast täglich erscheinen neue Bücher zum Thema. Mal heißen sie: "Wickelpedia", mal "Hilfe, wir sind schwanger". Millionen von Müttern und Vätern sind auf der Suche nach der richtigen Raumtemperatur (Säuglingstod verhindern), der gesündesten Ernährung (Allergien verhindern), dem familienfreundlichsten Wohnort (Asthma verhindern) und den geeignetsten Spielkameraden (sozialen Abstieg verhindern).
Als es noch keine Rentenversicherung gab, da waren Kinder in erster Linie eine sichere Bank. Noch musste sich niemand mit der Frage beschäftigen, welches wohl der beste Ort für den Altersruhesitz ist: Teneriffa, Ibiza oder Hua Hin. Noch ging es ums nackte Überleben. Noch entschied der Familienvater über das Schicksal der Neugeborenen.
Nein, diesen Zeiten muss man nicht nachtrauern. Dank Christentum und Aufklärung wurde die Kindheit als eigene wichtige Phase im Leben des Menschen erkannt. "Alles, was aus der Hand des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen der Menschen", schreibt Jean-Jacques Rousseau 1762 zu Beginn seines Romans "Émile", dem sicher meistzitierten Erziehungsbuch der Neuzeit. Rousseau setzt auf Sport, Handwerk und Naturbeobachtungen, um Kinder auf den richtigen Weg zu bringen. Pädagogen wie Pestalozzi oder Montessori orientieren sich daran.
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Wenn die _Menschenrechte_ überall auf der Welt Beachtung finden würden, bräuchten wir nicht über "Kinderrechte" zu diskutieren.
Der letzte Absatz ist zu kurz geraten. Denn gerade da zeigt sich, daß der heutige Umgang mit Kindern nur aufgrund des Wohlstandes möglich war. Die Entwicklung der Einstellung zu Kindern hat sich letztlich nur deswegen gewandelt, weil man dazu Geld und Zeit hatte, das früher nicht vorhanden war.
Und aufgrund politischer und wirtschaftlicher Vorgaben wird sich diese Entwicklung für einige Bevölkerungsteile durchaus zurückbilden.