Expertin Götz zu "Germany's Next Topmodel" "Die Mädchen sollen willig sein"

Ist es erstrebenswert, wie Heidi Klum zu sein? Casting-Sendungen lehren Jugendliche sich anzupassen, kritisiert Medienpädagogin Maya Götz. "Germany`s Next Topmodel" schaffe falsche Vorbilder.

Interview: Christina Herbert und Franziska Seng

Am morgigen Donnerstag findet das Finale der fünften Staffel von Germany's Next Topmodel auf Pro Sieben statt. Maya Götz, Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), hat in einer Studie untersucht, wie Casting-Sendungen das Selbstbild von Jugendlichen beeinflussen.

sueddeutsche.de: Frau Götz, der Modelberuf ist sehr anstrengend. Man wird mitunter wie eine Ware behandelt und mit 35 Jahren gehört man zum alten Eisen. Was macht eine Modellaufbahn für viele Mädchen trotzdem so erstrebenswert?

Maya Götz: Die jungen Frauen reizt die Vorstellung, einen aufregenden Beruf zu haben, in dem sie interessante Menschen kennenlernen und ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert sind. Der Großteil ist überzeugt, dass die Sendung das Modelleben real abbildet. Außerdem glauben die jungen Frauen, es sei gerade im Modelberuf möglich, seine Identität nach außen zu tragen und zum Leuchten zu bringen. Die Menschen würden endlich erkennen, wie vielfältig und schön man ist. Die Inszeniertheit der Show wird dabei häufig nicht durchschaut, etwa dass die Modelanwärterinnen zu Typen stilisiert werden, die gar nicht deren wahrer Persönlichkeit entsprechen.

sueddeutsche.de: Eine Umfrage unter britischen Mädchen hat ergeben, dass 60 Prozent gerne Model werden würden. Gibt es vergleichbare Zahlen für Deutschland?

Götz: In unseren Befragungen haben 63 Prozent der Neun- bis Elfjährigen angegeben, sie könnten sich vorstellen, Model zu werden, seitdem sie GNTM sehen. Es ist also ganz klar eine Berufsperspektive. Die Tendenz geht bei den etwas älteren Mädchen, die also theoretisch den Beruf auch ausleben könnten, etwas zurück. Bei ihnen ist es immerhin noch knapp die Hälfte, für die dieser Beruf wegen der Sendung in Frage kommt.

sueddeutsche.de: Führen Sie den Zuwachs direkt auf Germany's Next Topmodel zurück?

Götz: Ich vermute einen engen Zusammenhang. Die Marktanteile der Show liegen zum Teil bei mehr als 60 Prozent unter jungen Frauen, die Show ist Gesprächsthema Nummer eins auf dem Schulhof. Die Bilder im Fernsehen beeinflussen die Vorstellungswelt von Kindern und Jugendlichen sowie deren Selbstwahrnehmung ganz massiv. Auch, weil sie sich von den Charakteren und den Situationen, in denen diese sich befinden, sehr angesprochen fühlen. Von Schülern wird oft erwartet, die richtigen Antworten zu finden, unabhängig davon, ob sie an sie glauben oder für sinnvoll halten, sie müssen fremden Anforderungen genügen.

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sueddeutsche.de: Wie wirkt sich das auf die Selbstwahrnehmung der Jugendlichen aus?

Götz: Das Aussehen, das Sich-Präsentieren auf diesen zehn Metern wird zu einem ganz zentralen Moment für die Zuschauerinnen. Die Mädchen spielen die Szenerien nach und unterhalten sich über die Frage: Wie sehe ich aus? Wie bin ich gelaufen? Sogar Mütter unterhalten sich mittlerweile mit ihren Töchtern ausführlich darüber, ob deren Nase, Gesicht oder Augen hübsch genug sind und vor allem, ob sie sich gerade gut präsentiert haben. Und das mit erschreckender Selbstverständlichkeit.

Es lässt sich auch nachweisen, dass sich das Schönheitsideal bei den regelmäßigen GNTM-Zuschauerinnen verändert hat, hin zu einem professionellen Körper. Der sollte beispielsweise austrainiert sein oder so abgemagert, dass die Seiten schlank sind. Das widerspricht jedoch einem normalen Mädchenkörper. Der Körperlichkeit, die in GNTM vorgelebt wird, können die jungen Frauen nicht genügen. Da passiert momentan etwas, dessen Folgen wir noch gar nicht absehen können.

sueddeutsche.de: Bei GNTM mussten die Kandidatinnen in einem überdimensionierten Nest sitzen und frisch geschlüpfte Vögelchen mimen. Die Mädchen, die dies nicht überzeugend darstellen konnten, waren sehr niedergeschlagen. Welche Rollenbilder und Werte propagieren Sendungen wie GNTM?

Götz: Im Prinzip geht es um die totale Anpassung an die nicht nachvollziehbaren Anforderungen von anderen Menschen. Genau das ist das Problem an der Sendung. Es darf nicht hinterfragt werden: Will ich das? Ist das sinnvoll? Passt das zu mir? Es geht in dieser Serie damit also nicht um den von den Jugendlichen unterstellten Aspekt, seine Identität wahren und ausleben zu können. Im Gegenteil, es geht nur darum, ob ein Mädchen willig ist, sich den Diktaten der Sendungsmacher zu unterwerfen - so verrückt die Aufgaben auch sind. Sobald eine Kandidatin aufmüpfig wird, wird sie rausgeschmissen. Das hat natürlich auch eine politische Aussage: Wenn du deinen eigenen Willen hast, wenn du dich nicht anpassen willst, dann passt du nicht in das System und musst gehen.

sueddeutsche.de: Zu den Errungenschaften der Emanzipation gehörte unter anderem, die intellektuellen und praktischen Fähigkeiten der Frau herauszustellen. Bedeutet das hier vermittelte Rollenbild einen Rückschritt in voremanzipatorische Zeiten, in der die Frau sich fast ausschließlich durch ihr schönes Aussehen auszeichnen konnte?

Götz: Ich würde es gar nicht als Rückschritt bezeichnen, denn dieser Verweis auf die Äußerlichkeit ist im Grunde immer erhalten geblieben. Es wurde ja nie gesagt: Du darfst auch verlottert aussehen, das ist auch super! Dieses Phänomen kann man bis hin zu Frau Merkel beobachten. Egal, wie erfolgreich, intelligent und durchsetzungsfähig eine Frau ist, es wird immer auch ihr Aussehen mitdiskutiert. Eine Frau kann erfolgreich sein, aber wenn sie nicht auch außerordentlich hübsch ist, dann bleibt das ein zentraler Makel und sie reicht den öffentlichen Ansprüchen eigentlich nicht. Casting-Sendungen wie GNTM führen dieses Phänomen überdeutlich vor Augen.

In der Mädchenförderung waren wir eigentlich schon so weit, zu vermitteln, dass junge Mädchen nicht auf ihr Äußeres reduziert werden können. Jetzt wird auf einmal Aussehen wieder über alles gestellt. Das weibliche Rollenmodell ist nie wirklich aufgegeben worden, aber mittlerweile steuert die Öffentlichkeit auch nicht mehr genug entgegen.