Smartphones Wie bedient man dieses Ding nochmal?

Im nächsten Schritt fotografiert dann idealerweise der Großvater damit - und findet das Foto danach dann auch.

(Foto: Maskot/mauritius images)

Nicht einmal jeder Zweite im Rentenalter nutzt das Internet, viele haben noch nie von Whatsapp gehört. In Smartphone-Kursen helfen junge Erwachsene Senioren, bei der Digitalisierung nicht den Anschluss zu verlieren.

Von Daniel Godeck, Halle an der Saale

Wem gesteht man so etwas, und wem dann doch lieber nicht? Bei wem muss es einem nicht peinlich sein? Elke Dostlebe, 73 Jahre alt, sagt: "Ich hatte irgendwas gelöscht, was man niemals löschen darf." Was genau, weiß sie nicht mehr. Nur dass sie nicht zu ihrer Tochter gehen wollte damit. "Mir lief der Schweiß runter." Nun besucht sie das "Mediencafé" in ihrer Heimatstadt Halle.

Dort sitzt Dostlebe mit anderen Senioren in der Patientenbibliothek im Diakoniekrankenhaus. Mit dabei ist ihre Smartphone-Lehrerin Isabelle Koch. Die 18-Jährige hat im vergangenen Jahr ihr Abitur gemacht und absolviert seither ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) beim Roten Kreuz. Einmal im Monat gibt sie Patienten und Senioren Nachhilfe beim Bedienen von Smartphone und Computer. "Oft wollen sie einfach nur wissen, wie sie reagieren sollen, wenn ihnen ein Update angezeigt wird", sagt Koch. Viele hätten Angst, etwas falsch zu machen. Dem stimmt auch Elke Dostlebe zu: "Die Jungen sind einfach unbeschwerter im Umgang mit den Geräten als wir."

Die Smartphone-Nachhilfe ist Bestandteil eines Programms namens "FSJ Digital". Die jungen Freiwilligen arbeiten ganz regulär in ihrer Einrichtung - so wie Isabelle Koch auf der Pflegestation der Klinik. Zusätzlich absolvieren sie aber Fortbildungskurse, in denen sie etwa lernen, worauf es bei einer barrierefreien Webseite ankommt oder was es zum Erwerb eines Computerführerscheins braucht. In der Einrichtung können sie das Gelernte dann anwenden: Für eine App für ihre Kita zum Beispiel, oder eben in einer Internetsprechstunde für Senioren. "Neben den sozialen Kompetenzen stehen hier die digitalen im Mittelpunkt", sagt Katja Hartge-Kanning, die das FSJ für das Rote Kreuz in Sachsen-Anhalt organisiert. Das Programm soll vor allem jene Menschen an digitale Medien heranführen, die davon bislang ausgeschlossen sind.

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Sprechen Experten und Politiker von der Digitalisierung, ist immer davon die Rede, wie schnell sie sämtliche Lebensbereiche verändert: vom Privaten bis zur Arbeitswelt, vom Konsum bis zum Verkehr der Zukunft. Diskutiert wird dabei vor allem über das schnelle Internet für alle, über Datenschutz sowie Gefahren von Hate Speech. Doch eine Frage fällt häufig unter den Tisch: was die Digitalisierung für den Zusammenhalt der Gesellschaft bedeutet, welche Auswirkungen sie auf das Miteinander von Jung und Alt hat.

Denn was das "Mediencafé" in Halle offenbart, betrifft die gesamte Gesellschaft: Der digitale Fortschritt kommt bei den Menschen höchst unterschiedlich an. Neben dem Gefälle zwischen Stadt und Land besteht eines zwischen Arm und Reich - sowie das zwischen den jungen Technikaffinen und den älteren Technik-Unerfahrenen. Während sich die meisten Jungen ein Leben ohne Smartphone kaum noch vorstellen können, haben viele Ältere noch nie etwas von Whatsapp gehört - geschweige denn, wie sie es benutzen müssen.

Dies zeigt auch der jüngste D21-Digital-Index des Bundeswirtschaftsministeriums. Aus ihm geht hervor, dass in der Generation der über 65-Jährigen nicht einmal jeder Zweite das Internet nutzt - deutlich weniger als in der Gesamtbevölkerung, wo es 81 Prozent sind. Noch größer ist die Kluft bei mobilen Geräten wie dem Smartphone: Weniger als ein Viertel der über 65-Jährigen geht damit ins Internet. Insgesamt tun dies jedoch sechs von zehn Menschen in Deutschland, bei den 14- bis 29-Jährigen sind es sogar neun von zehn. Und fast jeder derjenigen, die überhaupt kein Internet nutzen, nämlich 94 Prozent, ist 50 Jahre oder älter.

"Hängst du jetzt immer nur an dem Ding?"

Elke Dostlebe dagegen steht mit der Technik eigentlich nicht auf Kriegsfuß. E-Mails und Internet nutzt sie schon lange. Vor einem halben Jahr hat sie sich dann ein Smartphone angeschafft. Vorher hatte sie nur ein klassisches Handy. Warum sie so lange mit dem Smartphone gewartet hat? Die Rentnerin überlegt kurz. "Ich wollte mich doch nicht von den Medien beherrschen lassen", sagt sie. Nun aber muss sie sich mitunter selbst bremsen. "Mein Mann sagt manchmal: Ach, hängst du jetzt immer nur an dem Ding?"

Im "Mediencafé" hat Dostlebe etwa gelernt, wie sie die Kamera-App benutzt, Fotos in ihrer Galerie wiederfindet oder Fotos wieder löscht. Sie hätte sich das alles auch von ihrer Tochter oder ihren Enkeln zeigen lassen können. Doch die sind ihr zu ungeduldig. "Da heißt es dann immer: Oh, Mama, das geht doch ganz einfach so und so", sagt Dostlebe. Im Mediencafé kann sie sich alles in Ruhe erklären lassen. Auch durch den Austausch mit anderen Senioren lerne sie dazu: "Der eine kann das schon, und die andere das."

Seit zweieinhalb Jahren gibt es das FSJ Digital bereits. Nach einer Pilotphase in Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz ist es im Herbst auf alle Bundesländer ausgeweitet worden. Die neue Bundesregierung will das Programm weiterführen; im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD auf eine Ausweitung des FSJ Digital auf den Bundesfreiwilligendienst verständigt, sodass auch Menschen über 27 hier eingesetzt werden können.

Isabelle Koch ist mit ihrem FSJ zufrieden. "Auf einer Pflegestation ist es nicht so leicht, sich einzubringen. Aber hier im Mediencafé kann ich das gut", sagt sie. Natürlich braucht es dazu auch interessierte Teilnehmer wie Elke Dostlebe. In einem Punkt spielt diese Rentnerin aber nicht mehr mit: Mit dem Smartphone einzukaufen kommt für sie nicht infrage. "Wenn ich alles übers Internet bestelle, komme ich ja gar nicht mehr raus", sagt sie.

Per Tablet durch den Supermarkt

Für ältere Menschen, die schlecht zu Fuß sind, ist der Wocheneinkauf oft mit Anstrengung verbunden; andere haben Probleme mit Preisschildern, die kaum zu entziffern sind. Das Problem haben auch Forscher an der Fernuniversität Hagen erkannt und eine Technik entwickelt, die es Senioren ermöglicht, vom Sessel aus durch den Supermarkt zu gehen. Das geht so: Während die Senioren mit Tablet zu Hause sitzen, arbeitet ein Helfer im Laden die Einkaufsliste ab - alles live übertragen über Kameras, die am Einkaufswagen montiert sind. Zudem können die Nutzer virtuell durch die Supermarktgänge schlendern und an die Salami und die Äpfel heranfahren. Was die Technik von klassischen Supermarkt-Lieferdiensten unterscheidet, ist der soziale Ansatz; trifft der Kunde am Milchregal eine Nachbarin, kann er mit ihr über den Helfer Kontakt aufnehmen. Zudem kann man von zu Hause aus nach dem passenden Käse zum Rotwein fragen. "Bei frischen Produkten ist der Bedarf da, dass man sich mit der Verkäuferin beraten will", sagt Projektleiter Dirk Veiel. "Mein Laden 55 plus" ist ein Projekt einer neuen interdisziplinären Forschungsgruppe, die IT-Unterstützung für ältere Menschen entwickelt. 15 Senioren haben die App bereits in einem Test-Supermarkt ausprobiert, den die Forscher dazu nachgebaut haben. Veiel ist zufrieden. Doch bis die Technik alltagstauglich ist, dürfte es noch dauern. "Wir stehen erst am Anfang", sagt der Forscher. Daniel Godeck