Sexueller Missbrauch in der DDR "Sie haben mich gebrochen"

Eine Frau betrachtet eine historische Fotografie des Innenhofes des ehemaligen Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau in der heutigen Gedenkstätte in der sächsischen Stadt. (Archivbild)

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Erstmals beschäftigt sich eine Kommission mit sexuellem Kindesmissbrauch in der DDR.
  • Experten befragten 150 Betroffene. Viele berichteten von Behörden, die sie nicht schützten, sondern stigmatisierten und Umerziehungsmaßnahmen unterzogen.
  • Den Experten zufolge beförderte das repressive System der DDR Kindesmissbrauch. Das Thema war dort länger tabuisiert als in Westdeutschland.
Von Antonie Rietzschel, Berlin/Leipzig

Es ist die Nacht vor ihrem 17. Geburtstag, als plötzlich der Mann in der Tür steht. Ohne einen Ton zu sagen, kommt er in die Zelle. Er drückt Renate Viehrig-Seger auf die Pritsche, verdreht ihr den Arm. Dann vergewaltig er die junge Frau. Der Mann ist der damalige Direktor des Geschlossenen Jugendwerkhofs in Torgau. In der Einrichtung sollten zu DDR-Zeiten Jugendliche gefügig gemacht werden. Jugendliche wie Renate Viehrig-Seger, die schon vor der Einweisung in den Jugendwerkhof viel erleiden musste. Auch der eigene Vater hatte sie missbraucht.

Renate Viehrig-Seger hat lange darüber geschwiegen, was ihr angetan wurde. Erst seit 2012 lässt sie die Erinnerung zu, heute spricht die 58-Jährige offen darüber. Aber ihre Erinnerung an die eigene Kindheit und Jugend ist wie ein unfertiges Puzzle. Es fehlen Teile, weil sie bestimmte Details verdrängt hat. Wenn sie darüber redet, füllt sich manchmal eine Lücke. Nur langsam fügt sich das Gesamtbild zusammen. Klar, da sind die Fakten: In Bad Schandau, Sächsische Schweiz, aufgewachsen, als siebtes von insgesamt zehn Kindern. Doch wann fing der sexuelle Missbrauch durch den Vater an? Renate Viehrig-Seger ist heute sicher, dass sie sieben Jahre alt war. Dazu kam die Einsicht, dass die Mutter, die der Vater auch ständig prügelte, sie nicht schützen konnte. Die Mutter nicht und der Staat nicht.

Mütter dulden oft Kindesmissbrauch

Das geht aus einer Studie der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs hervor. Demnach greifen Familienangehörige selten ein - obwohl sie Bescheid wissen. Von Anna Fischhaber und Markus Mayr mehr ...

Renate Viehrig-Seger ist nicht allein mit ihrem Schicksal. Seit einem Beschluss des Bundestages beschäftigt sich eine unabhängige Kommission mit der Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch in Deutschland. Mitte des Jahres legte das Gremium einen ersten Zwischenbericht vor, 1000 Betroffene hatten sich gemeldet. Nun konzentriert sich die Kommission erstmals auf sexuellen Missbrauch in der DDR. Psychologen werteten dafür 150 Fälle aus. In vertraulichen Gesprächen berichteten Männer und Frauen von ihren Erfahrungen. An diesem Mittwoch stellte die Kommission die ersten Ergebnisse der Befragungen vor.

Dass sie sich gerade diesen Schwerpunkt gesetzt hat, liegt an dem repressiven System der DDR, das sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche begünstigte. "Der Staat und dessen Organe durften nicht beschmutzt werden. Über Missbrauch, speziell in den Heimen, zu sprechen, hätte dem Ansehen geschadet. Deswegen wurde das Thema länger tabuisiert als in Westdeutschland", sagt Christine Bergmann, Mitglied der Kommission. Sie berichtet von Betroffenen, denen gedroht wurde, weil sie angesehene Persönlichkeiten des Missbrauchs beschuldigten. Statt den Opfern zu helfen, wurden sie stigmatisiert und Umerziehungsmaßnahmen unterzogen.

Immer wieder Heimaufenthalt

Das hat auch Renate Viehrig-Seger erlebt. Als Kind hofft sie auf staatliche Hilfe, geht zum Jugendamt und berichtet von der sexuellen Gewalt durch den Vater. "Die haben mir gesagt, ich würde spinnen." Sie fängt an zu klauen, in der Hoffnung erwischt zu werden. So will das Mädchen die Aufmerksamkeit der Behörden auf sich ziehen. 1972 beantragt die Schule die Zwangseinweisung in ein Heim. Die Jugendliche sei verwahrlost, ihre Intelligenz eingeschränkt, heißt es in einem Schreiben des Jugendamtes. Vom Missbrauch und der Prügel kein Wort. Die Mutter bittet darum, die Tochter so schnell wie möglich in die nächste Einrichtung zu bringen. Wollte sie sie vor dem Vater in Sicherheit bringen? Genau das glaubt Renate Viehrig-Seger heute.

Zwei Jahre bleibt sie im Heim. Sie ist 14 Jahre alt, als sie wieder nach Hause zurückkehrt. Es dauert nicht lange, bis sich der Vater ihr wieder nähert. Renate Viehrig-Seger haut immer wieder ab, macht die Nächte in der Disco durch. Ihr Vater muss sie regelmäßig auf der Polizeistation in Pirna auflesen. Einmal schlägt er seine Tochter vor den Augen der Beamten, keiner schreitet ein. Das Jugendamt schickt Renate Viehrig-Seger Anfang 1975 in den Jugendwerkhof Rödern, ein Heim in der Nähe von Dresden. Die Schule hat sie nach der achten Klasse beendet. Eine höhere Bildung ist für Menschen mit sozialistisch-gefestigtem Lebenswandel vorgesehen, nicht für Renate Viehrig-Seger. Jeden Tag holt ein Bus die Jugendlichen im Heim ab und fährt sie zu einer Druckerei, wo sie in Schichten arbeiten müssen.

Weil Renate Viehrig-Seger immer wieder aus dem Heim in Rödern abhaut, wird sie zur Strafe in den Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau überwiesen. Dort soll aus ihr ein wertvolles Mitglied der sozialistischen Gesellschaft gemacht werden. Meterhohe Mauern und Stacheldraht umgeben die Einrichtung. An Flucht ist nicht zu denken. Bei der Aufnahme schneiden die Erzieher Renate Viehrig-Seger die Haare ab, sie muss ihre Klamotten abgeben, bekommt Anstaltskleidung. Für Renate Viehrig-Steger fühlt es sich an wie ein Gefängnis. Flüstern, pfeifen, singen - alles verboten. Die Schikanen dienen dazu, die junge Frau kleinzukriegen. Doch die widersetzt sich regelmäßig den Regeln, schreibt Nachrichten an die anderen Insassinnen und hinterlässt Botschaften an den Wänden. Tagelang muss sie in die Arrestzelle, wo nur ein Hocker steht und ein Eimer für die Notdurft. Die Pritsche darf sie nur nachts herunterklappen. Ihr erster Aufenthalt in Torgau dauert viereinhalb Monate. Danach darf sie zurück nach Rödern.

Schautafeln berichten über DDR-Umerziehungsheime am Rande der Tagung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Leipzig.

(Foto: dpa)

Im Mai 1976 schickt das Jugendamt Renate Viehrig-Seger erneut nach Torgau, diesmal für sechs Monate. Wieder landet sie in der Arrestzelle, wo sie schließlich der Direktor der Einrichtung vergewaltigt. Am nächsten Morgen vertraut sich Renate Viehrig-Seger einem Erzieher an, doch der glaubt ihr nicht. Renate Viehrig-Seger muss zwei Tage länger in der Zelle bleiben wegen der angeblichen Lüge. Der jungen Frau wird schlagartig klar, dass ihr niemand helfen wird. Weder die Familie noch der Staat. Sie ist allein. "Von da an habe ich funktioniert - sie haben mich gebrochen", sagt Renate Viehrig-Seger.

Psychische, physische Gewalt waren im DDR-Heimsystem fest verankert. Die Betroffenen seien regelrecht in eine Spirale geraten, sagt Christine Bergmann. Aufgrund sexuellen Missbrauchs in der Familie hätten sie Verhaltensauffälligkeiten entwickelt. In Folge dessen wurden sie in Heime eingewiesen, wo sie erneut missbraucht wurden. Hilfe von Angehörigen oder Bekannten konnten die Betroffenen nicht erwarten, weil die Kontaktaufnahme nach draußen schwierig war.